5 Millionen für die 3. Liga
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- 2. März
- 6 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | Kehdinger Stadion | ||
Ort | Drochtersen | ||
Kapazität | 3.000 | ||
Datum | 27.02.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | SV Drochtersen/Assel (3.) - FC Eintracht Norderstedt (15.) | ||
Ergebnis | 5 : 1 | ||
Zuschauer | 815 | ||
Liga | Regionalliga Nord | ||
Ebene* | 4 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 9 / 17 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 166 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 4 / 321 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Ich will mal etwas Vorfreude wecken, bei den armen Schweinen, die noch arbeiten müssen. Dazu eine Episode aus dem Rentnerleben. Dienstagvormittag. Es herrscht Ruhen in der Bude. Die Frau arbeitet. Ich denke darüber nach, wohin ich mal wieder hoppen könnte, und zwar mal wieder nach außerhalb Braunschweigs und Umgebung. Klicke mich also durch einige Ligen und da sehe ich es: Der SV Drochtersen/Assel spielt. Das liegt beim wunderschönen Alten Land. Da Rentner keinen Stress mehr vertragen (das Spiel ist Freitagabend um 19:30 Uhr), plane ich die Tour von Braunschweig dahin mit der Bahn und buche mir ein Hotel im niedlichen Nachbarörtchen Stade. Drochtersen kannte ich noch nicht. Und ich erfuhr, dass sie hier ausgesprochen rührig sind, um Touris anzulocken. Vom Krokusblütenfest über Oldtimertreffen und Sylvesterläufen an der Elbe bis zu den Wildganstagen (hoffentlich nur gucken) bieten sie den Gästen einiges. Ach ja, ein richtiges Schmankerl für Leseratten wie mich, gibt es hier auch noch, und zwar die Deutsche Krimi-Straße. Mehr als hundert Krimis und Drehbücher entstanden und/oder spielten hier. Ja und nebenan liegt dann das so herrliche Alte Land mit den Apfel-, Birnen- und Kirschplantagen. Ich komme gleich wieder ins Schwärmen - Stopp jetzt aber damit. Es geht hier ja primär um Fußball.
Und da gibt es hier auch noch die Spielvereinigung Drochtersen/Assel e.V. Der Verein ist ziemlich jung, nämlich 1977 erst entstanden. Und ein bisschen ist es hier wie beim FC Bayern München. Denn auch in Drochtersen/Assel hat der Präsident beschissen und zwar hat er Sozialversicherungs-Beiträge nicht bezahlt. Er konnte dem Knast aber durch Selbstanzeige und Zahlung eines sechsstelligen Betrages entgehen. Er wusste, wie es geht, da er Steuerberater ist... Der Club spielt trotz des Betrügers schon im zwölften Jahr in der Regionalliga. Die größten Erfolge feierte er allerdings im DFB-Pokal. Sage und schreibe dreimal kamen sie in die erste DFB-Pokalrunde (Mönchengladbach, Schalke und Bayern - wahrscheinlich haben da die Präsidenten nicht nur über Fußball gefachsimpelt). Und nun wollen sie hier nach den Sternen greifen. Die Elftausend-Seelenmetropole im nördlichen Niedersachsen will in die 3. Liga (näheres dazu siehe unten).
Auch der Gast aus Schleswig-Holstein, von der Hamburger Stadtgrenze, ist noch ein Frischlingsverein. Er wurde sogar noch viel später, und zwar erst 2003 gegründet. Und ambitioniert sind auch die Norderstedter. Schon in den 70er Jahren bekannten sie, dass sie in den Profifußball wollen. In der Regionalliga Nord sind sie seit vielen Jahren eine feste Größe, wobei sie in den letzten Jahren und jetzt auch schon wieder schwächeln und gegen den Abstieg kämpfen.
Ground
Der Ground heißt Kehdinger Stadion. Benannt eben nach der schönen Landschaft hier beim Kehdinger Moor. Es fasst derzeit 3.000 Zuschauer. Nicht so gut für die Kracherspiele des DFB-Pokals. Andere wären dazu in ein Stadion nach Hamburg oder Bremen ausgewichen und schon wäre es weg, das einzigartige Flair. Nicht so die findigen Drochtenser. Die flanschten schnell mal ein paar mobile Zusatztribünen hin und feierten ihre Spektakel mit 7.000 Besuchern im heimischen Ground. Einfach nur geil!
Es ging witzig los. Als ich mein Handy-Ticket in der Apple-Wallet zeigte, grummelte der Ordner nur "Wie ging das mit dem Scheiß nochmal?". Er holte einen Experten, der prüfte mit Kennerblick, wusste aber auch damit nicht so recht, was anzufangen, drehte sich um und murmelte "Komm' rein".
Das Stadion wirkt urig. Und gut passend zur Gegend. Die 6 oder 7 verschiedenen Bauteile der Tribünen passen gar nicht zusammen und das hat dann schon wieder was. Eine Laufbahn gibt es auch, damit sie die Schulen hier tummeln können. Hinterm Eingang aber erstmal die Imbiss- und Getränkebude. Und da bekam mich, den Vegetarier, eine unvermittelte und nicht im Zaum zu haltende Gier auf Bratwurst. Da musste selbst das Pils, und Brand hatte ich auch dolle, zurückstehen. Dann der Schock, die Riemen sahen übel aus, lang, dünn und labberig. Nein, das kann doch nicht sein, wenn ich schon mal sündigen will. Somit Nackensteak als sündige Alternative, denn sündigen wollte ich nun. Aber konntest du auch vergessen. Also, so schön hier alles ist aber ... Das Pils hat dann wenigstens gezischt. Ich schlenderte dann noch zum neuen Vereinsheim hinter der Kurve, machte ein paar Fotos und genoss die entspannte Flutlichtstimmung beim Bierchen. Nun ging es langsam hin zur kleinen Haupttribüne. Diese beherbergt 501 Menschen und ich bekam im Vorverkauf eines der letzten Tickets, ganz hinten am Rande zum VIP-Bereich. Dann dachte ich, dass hier die architektonischen Schildbürger am Werk waren. Die Tribüne endete ca. 20-30 Meter von der Torauslinie entfernt. Sie wird begrenzt durch eine Glas- oder Plastikwand mit etlichen Metall-Verstrebungen. Das Harte daran ist, du kannst kaum etwas sehen, was im linken Strafraum vor sich gut. Unglaublich! Selbst meine nette Nachbarin konnte sich darüber trefflich echauffieren. Andere nahmen es gelassen. Niedlich ist auch, dass hinter der letzten Sitzreihe noch eine Reihe mit Holzstühlen aufgebaut ist. Sah nicht sehr bequem aus aber besser als Stehen.
Und nun der Hammer: Der SV Drochtersen/Assel hat ein klares Bekenntnis zur 3. Liga abgegeben. Sie wollen demnächst aufsteigen. Um das zu untermauern haben sie ein Konzept zur Drittligafähigkeit ihres Stadions erstellt und sie sind sogar schon in der Umsetzung. VIP-Bereich/neues Vereinsheim ist erledigt. Neues Flutlicht läuft. Ist auch nötig, das jetzige leuchtet den Rasen sehr funzelig aus. Neue Tribünen wird es auch geben, so dass die Mindestanforderung von 5000 Plätzen erfüllt wird. Eine Rasenheizung wird installiert, wenn der Aufstieg klar ist. Der ganze Spaß soll ca. 5 Millionen kosten und die Finanzierung ist geklärt. Ich finde, da können sich andere Vereine mal richtig eine Scheibe von abschneiden, die auf Aufstiege verzichten, weil sie es nicht gebacken kriegen! Wenn sie dann noch lernen, die Würste richtig zu grillen, dann können Duisburg, Essen und 1860 München kommen!
Spiel
Das Spiel versprach einiges. Wie gesagt, die Kehdinger wollen Profi-Fußball und Norderstedt kämpft schon wieder mit allen Mitteln gegen den Abstieg. Da der Favorit, der SV Meppen, recht stabil wirkt, darf man sich nicht mehr viele Ausrutscher leisten. Für die SV D/A spricht, dass sie sehr eingespielt sind, da sie die Truppe immer gut zusammenhalten können. Außerdem sind sie das heimstärkste Team (33 Punkte aus 12 Spielen) und bekannt für ihre harte Gangart. Der Gast hat zur Winterpause gerade mal wieder die Trainer gefeuert, wovon ich ja ein großer Fan bin.
Die ersten paar Minuten waren ausgeglichen. Aber schnell ging es dann nur noch in eine Richtung, und zwar die der Norderstedter Kiste. Und das bis zum Spielende. Nur im Ergebnis zeigt sich das erst nicht. Zur Halbzeit stand es überraschend noch 1:1. Dann war aber Schluss mit lustig und Norderstedt wurde zerlegt. Die Drochtersen hatte richtig Bock auf Tore und Norderstedt brach komplett ein. Anschließend redete der neue Trainer der Gäste das Spiel seiner Truppe in der Presse schön – ob das der richtige Weg ist?
Der SV zeigte beeindruckend, weshalb sie eine Macht an der Elbe sind. Ich drücke die Daumen, dass sie den SV Meppen noch abfangen.
Stimmung
815 Zuschauer pilgerten ins Kehdinger Stadion. Im Schnitt sind es bisher 1.000. Zum Vergleich der Liga-Primus SV Meppen: Da waren zeitgleich das 10-fache an Zuschauern beim Spiel gegen HSV 2. Die Stimmung war eher wie Bezirks- oder Landesliga. Es gab keine Fangruppierungen auf beiden Seiten, die supporteten. Beim rhythmischen Klatschen vor ihren vielen Eckstößen gingen die Norddeutschen dafür schon ganz schön aus sich raus. Manchmal riefen ein paar Leute dann aber doch DeA. Immerhin.
Aber einen Hardcore-Fan haben sie, die D/Aler. Neben mir saß seine nette Frau, mit der ich mich etwas austauschte, auch über ihn, ihren Mann neben ihr. Der flippt nach jedem Tor vollkommen aus, brüllte und tanzte fast brasilianisch. Zu Hause, so erfuhr ich von ihr, ist es fast noch schlimmer, wenn sein HSV spielt. Da geht sie lieber aus dem Zimmer, weil sie das nicht erträgt.
Fazit
Ich schrieb ja schon mal, dass ich versuche Trips mit Übernachtung für max. 100€ hinzubekommen. Und dieses Mal sah es gut aus: Fahrt dank D-Ticket 0€, Hotel inkl. Frühstück 69€, Eintritt 14€. Mit Bus zum Stadion: 0€. Ergo mit 83€ ein Schnäppchen. Da sah ich, dass nachdem Spiel kein Bus mehr zurück nach Stade fuhr. Ok, dann rief ich ein Taxi an. Der nette Fahrer, auch schon Rentner, fragte nach dem "Warum" und ich erklärte mal wieder mein Hobby. Er sagte, das sei aber ganz schön teuer. Ich dazu "Nö" und verwies auf bisher 83€. Zeitgleich blickte ich aufs Taxameter, welches kurz vor Assel schon bei 42 Tacken stand. Ich fragte nun wohl etwas ängstlich "Ist es noch weit?". Und der nette Kerl stellt dann mitleidig bei 50€ die Uhr ab. Vor der Rückfahrt bot er mir gleich wieder die 50€ an. Somit kam ich trotzdem auf 183€: Ziel verfehlt! Irgendwie muss ich noch an meiner Tourenplanung arbeiten. Aber ich bin ja jung und entwicklungsfähig!
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