Polter auf’n Zaun

Fakten
Stadion | Jadestadion | ||
Ort | Wilhelmshaven | ||
Kapazität | 7.387 | ||
Datum | 09.10.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | SV Wilhelmshaven (4.) - Blau-Weiß Lohne (7.) | ||
Ergebnis | 3 : 2 | ||
Zuschauer | 550 | ||
Liga | Oberliga Niedersachsen | ||
Ebene* | 5 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 6 / 16 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 198 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 51 / 368 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Endlich geht es an den Jadebusen nach Wilhelmshaven. In diesem Satz steckt viel drin. Weshalb "Endlich"? Einer meiner Blogleser, Marcel aus Wilhelmshaven, hat mich schon vor Monaten gefragt, ob ich nicht mal zu ihnen kommen möchte,, und nun ist es soweit. "Jadebusen"? Ein etwas schlüpfriger Name für die Bucht an der Nordseeküste, oder? Wenn du dir die Landkarte anguckst, denkst du, dass der Jadebusen tatsächlich aussieht wie eine in die Jahre gekommene Damenbrust. Aber reiner Zufall, denn "Busen" steht im Mittelhochdeutschen für eine tiefe Meeresausbuchtung. Und "Wilhelmshaven" mit "v" statt "f" geschrieben? Schreibfehler? Es gab richtig Zoff über die Schreibweise. Die Preußen wollten es mit "f", aber die Norddeutschen setzten sich durch und durften ihr "v" behalten. Bleiben wir beim Namen der Küstenstadt. Die Einheimischen nennen sie liebevoll "Schlicktau" oder in Denglisch "Schlicktown".
Ja, und dann gibt es da ja auch noch den SV Wilhelmshaven. Ehrlich gesagt, habe ich immer noch den Namen Olympia Wilhelmshaven im Gedächtnis. Aber ich lernte, dass der 1905 gegründete Verein seinen Namen so oft wechselte, wie andere die Unterhosen. Und eines muß man ihnen lassen: Einen größeren Skandal- und Chaosclub gibt es in ganz Norddeutschland nicht. Beispiele gewünscht? Gerne: Der SV Wilhelmshaven trug einen jahrelangen Rechtsstreit mit der FIFA aus. Es ging um eine Ausbildungsvergütung von 150.000 €, die gezahlt werden sollte. Der SVW sah das nicht ein, verlor aber. Punktverluste und Zwangsabstieg waren die Folge. Es ging bis in die Bezirksliga runter. 2014/15 musste man vor Gericht, weil man Steuern hinterzogen hatte, und verlor auch wieder. Ein anderes Jahr hat man die letzte Seite der Lizenzunterlagen nicht mehr rechtzeitig bis 18 Uhr zum DFB gefaxt bekommen. Begründung: Das FAX-Gerät ging kaputt. Die Folgen waren: wieder keine Lizenz und Abstieg. Jahre später gab man zu, einfach zu lange diskutiert zu haben. Das FAX-Gerät war gar nicht kaputt. Hardcore-Verein, oder? Inzwischen ist es ruhiger um den SV geworden und sie spielen stabil in der Oberliga Niedersachsen mit.
Der Gast aus Lohne kann da nicht mithalten. Die Stadt liegt zwischen Oldenburg und Osnabrück. Man hat hier nichts mit der FIFA, dafür mehr mit der katholischen Kirche zu tun. Sage und schreibe 60 % sind hier Katholiken. Müsste norddeutscher Rekord sein.
Blau-Weiß Lohne gibt es schon seit 1894, allerdings kam der Fußball auch hier erst viel später dazu. Der heutige TuS Blau-Weiß Lohne entstand erst 1945 durch Fusion dreier Clubs, darunter (wen wundert es?) dem katholischen DJK Blau-Weiß Lohne. Der Verein hatte sich zuvor aufgelöst, weil die Nazi-Schergen alle katholischen Vereine verboten hattenn. Heute spielen 800(!) Kicker in 45(!) Mannschaften im Verein. Hut ab!
Ground
Der Ground "Jadestadion" soll ja eine Perle sein. Und ganz nebenbei mit 7.387 Kapazität der größte der Liga, knapp vor Lohne übrigens. Aber erstmal mußte ich da ja mal hinkommen. Und es lief dank der Bekloppten bei der Bahn mal wieder bombe: 7 Stunden von Tür zu Tür für 250 Kilometer. Überfüllte Züge, eine fette Erkältung und 100 % Regenwahrscheinlichkeit ließen Freude aufkommen. Hab ich nicht ein geiles Hobby? Für die letzten Meter vom Hotel zum Stadion gönnte ich mir daher bequem ein Taxi. Auf einmal hielt der Fahrer vor einem öden Eisengatter in einem Industriegebiet. Ich guckte ihn entgeistert an und fragte, wo denn hier das Stadion sei. Er guckte genauso doof und sagte nur „Jadde-Stall“, was Jade-Stahl heißen sollte. Er hatte mich falsch verstanden. Endlich da, gab's immerhin leckere Pommes im Regen. Und ich watschelte zu Marcel durch die schmucke VIP-Loge (stolze 255 Plätze) zu seiner Ansagerkabine. Von dort blickte ich in die Schüssel. Das Stadion ist für die 5. Liga echt der Hammer. Eine stylische und UEFA-taugliche Flutlichtanlage beeindruckt. Da das Stadion erst 1999 erstellt wurde, ist alles auch noch richtig schick und gepflegt. Irgendwie wirkt alles hier etwas überdimensioniert. Aber wer weiß, welche Visionen hier existieren. Die Rückfahrt zum Hotel passte wieder zu meinem Reisetag. Der Bus fuhr nicht mehr. Und sämtliche 4 Taxianbieter verweigerten sich mir. So stand ich etwas ratlos vor dem Stadion. Da kam ich mit drei SVW-Fans ins Gespräch, die mich mit ihrem Taxi netterweise mitnahmen. Und das Geilste dabei war der Taxifahrer. Der gab uns nämlich jedem einen Lakritzschnaps aus. Das hat für alles entschädigt! Auch dafür, dass auf der Rückreise beim letzten Bahnteilstück ALLE Toiletten defekt waren und die blöde Bahn-Kuh am Mikro bei der Durchsage noch eine entspannte Reise wünschte.
Spiel
Natürlich war ich gespannt auf das Spiel zweier gut gestarteter Mannschaften. Aber am meisten habe ich mich auf den Kultspieler Sebastian Polter gefreut. Was hat der 35-Jährige schon alles erlebt: Schalke, Union, Partizan Belgrad und nicht zuletzt Eintracht Braunschweig! Auch wenn er in Braunschweig seinen Zenit bereits überschritten hatte, war er wegen seiner Einstellung unheimlich beliebt.
Das Spiel begann mit einem Paukenschlag: Erster Angriff SVW und es stand 1:0. Noch vor der Pause konnte Lohne durch Foulelfer ausgleichen. Es war wirklich ein gutklassiges Spiel, das hin und her schwappte. Eigentlich hätte die Heimelf aber die Führung verdient. Die zweite Hälfte ging andersherum los. Gleich fiel die Führung der Gäste. Das machte dem sehr bemühten Hausherrn etwas zu schaffen. Aber dann schlug es noch zweimal im Gehäuse der tapferen Gäste ein. Der Stadionsprecher verkündete zweimal "Torschütze mit der Nummer 40 Sebastian Polter". Und das 3:2 war dann letztlich gegen gute Gäste auch verdient. Ich war glücklich mit dem Spiel und Polti!
Stimmung
An der Pommesbude begrüßte mich erstmal das Wilhelmshavener Maskottchen. Ich rätselte, ob es ein Huhn, ein Geier oder was auch immer war. Aufklärung: Es ist ein Adler, namens Valdas. Benannt nach der Vereinsikone "Valdas Ivanauskas". Wer weiß, ob es nicht irgendwann in Polti umbenannt wird.
550 Zuschauer sind ok. Zu besten Zweiten war der Schnitt hier über 3.000. Gästefans erspähte ich nur wenige. Ich schätze 50. Dafür lernte ich deren Stadionsprecher kennen, der mir vorschlug, doch auch mal nach Lohne zu kommen. Er ist übrigens auch ehemaliger Eintracht-Fan aus dem Braunschweiger Umland, der weggezogen ist. Ein kleiner Block aus gut 20 fahnenschwenkenden Fans machte gute Stimmung. Leider gab es auch hier das verbreitete Phänomen, dass sie verstummten, als die Gästeführung fiel. Vor mir feierten ein paar Kinder die Tore ihres Poltis enthusiastisch. Und nach dem Spiel forderte der harte Kern "Polti auf'n Zaun". Und nun der Hammer: Polti hat gar kein Tor gemacht. Ist das nicht schon die höchste Stufe des Personenkults, wenn du für etwas abgefeiert wirst, was du gar nicht gemacht hast?
Noch was
Der eigentliche Besuchsgrund war ja Marcel. Was hat der Typ mit seinen 34 Jahren schon alles durchgemacht für seinen Herzensclub? Sein erstes Spiel, das Derby gegen Kickers Emden, hat ihn als 8-Jährigen infiziert. Dann ging es weiter als Spieler, Balljunge, Fahnenträger, Fanshopverkäufer und Ordner. Dann war er in der aktiven Fanszene. Und nun speist er die Anzeigetafel und bedient gleichzeitig drei Liveticker. Damit nicht genug, Marcel ist nebenbei auch der Fanbetreuer und organisiert die Auswärtsfahrten. Solchen Typen zolle ich meinen höchsten Respekt. Ohne diese würde kein Verein klar kommen. Und ganz nebenbei durfte ich noch seine Gastfreundschaft genießen. Danke, Marcel!
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