Chemin de Madame la Duchesse
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- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | Georg-Weber-Stadion B-Platz | ||
Ort | Braunschweig | ||
Kapazität | 1.000 | ||
Datum | 16.08..2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | VfB Rot-Weiß 04 Braunschweig (3.) - TSV Germania Lamme (11.) | ||
Ergebnis | 2 : 7 | ||
Zuschauer | 94 | ||
Liga | Bezirksliga Braunschweig 2 | ||
Ebene* | 7 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 13 / 16 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 188 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 39 / 356 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Der Tag danach. Das ist immer ein besonderer. Am Samstag haben wir zu zehnt bei uns auf dem Balkon gegrillt. Und getrunken. Renner waren Erdbeerbrandt und Tonka Gin. Für Uschi fiel das Hoppen somit aus. Ich dagegen, Mister Eisenhart, fuhr sogar mit dem Fahrrad zum Ground.
Es sollte mal wieder auf meine Bucket List zurückgegriffen werden. Und zwar wollte ich endlich mal zum VfB Rot-Weiß 04 Braunschweig ins Westliche Ringgebiet. Das westliche Ringgebiet wird als der soziale Brennpunkt von Braunschweig bezeichnet. Die Stadt spricht von einem "Arbeiterbezirk". Seine Sozialstruktur ist gemischt. Hauptsächlich leben hier Arbeiter, Menschen mit geringem Einkommen, Studierende, Migranten und ältere Menschen.
Und der hiesige Sportverein, Rot-Weiß, hat eine lange und beeindruckende Geschichte. Schon 1904 wurde er ins Leben gerufen. Vor dem Zweiten Weltkrieg bestand eine enge Verbindung zum jüdischen Sportverein SC Hakoah Wien. Die Nazis stuften Rot-Weiß in die zweithöchste Liga zurück. Überall wurden Arbeitersportvereine verboten und Rot-Weiß nahm die Sportler alle auf. Die glorreichen Fußballzeiten neigten sich aber dem Ende zu. Die Rot-Weiß-Boxer hingegen entwickelten sich zur nationalen Spitze. Der Traditionsverein glänzte zunehmend durch überragendes soziales Engagement. Hier einige Beispiele dafür: Der Verein suchte und fand Paten, die bedürftigen Kindern den Sport ermöglichten, indem jeder Pate einem Kind den Vereinsbeitrag bezahlte. Oder aber das Projekt "Lebenschancen durch Sport", wo Torsten Sümnich (Ex-Eintracht-Profi) sich rührig für Kinder aus benachteiligten Familien einsetzte. Und logisch, dass die Stadt auch Rot-Weiß ansprach, als sie einen Verein suchte, der afrikanischen Flüchtlingen ein Zuhause bieten sollte. Sportlich geht es immerhin gerade mit dem Aufstieg in die Bezirksliga auch etwas voran.
Nur 4 Kilometer westlich liegt Lamme, ein Dorf im äußersten Westen der Stadt. Kann man den eigentlich zu Lamme überhaupt noch Dorf sagen? Die dörflich/suburbane Struktur ändert sich rasend schnell. Der Einfamilienhaus-Neubau ist nicht zu bremsen. So ist der Stadtteil ausgesprochen jung und weist auch nur eine Arbeitslosenquote von ca. 1/3 des braunschweiger Durchschnitts aus. Die Einwohnerzahl verdreifachte sich in den vergangenen 30 Jahren. Und in dieser Zeit verdreifachte sich ebenfalls die Mitgliederzahl von Germania Lamme von ca. 600 auf rund 1.800 aktuell. Die erste Herren spielt seit geraumer Zeit eine gute Rolle in der Bezirksliga. Die Frage ist, wann der fällige Aufstieg in die Landesliga endlich gelingt.
Es kommt also heute zu einem sehr reizvollen Duell der Gegensätze, ein wenig mutet es an wie "Arm" gegen "Reich".
Ground
Seit über 112 Jahren ist der VfB Rot-Weiß am Braunschweiger Madamenweg im Westlichen Ringgebiet heimisch. Und auf historischen Fotos ist zu sehen, dass es um 1920 herum sogar eine Holztribüne am Madamenweg gab. Heute heißt der Ground "Georg-Weber-Stadion". Georg Weber war nicht nur Vereinsvorsitzender, sondern hat sich für den Braunschweiger Sport bis ca. 1980 so verdient gemacht, dass er alle möglichen Orden und sogar das Bundesverdienstkreuz dafür erhielt.
Nachdem mein Restalkoholgehalt langsam gen 1 Promille ging, kam ich im altehrwürdigen Ground an. Ich schloss mein Fahrrad an, als neben mir ein Typ sagte: „Hier hat man immer Angst um sein Fahrrad und sie haben ja noch ein richtig teures.“ Geilomat. Tiefenentspannt ging ich zum Ground, der schon Geschichte geschrieben hat. Alles war richtig schön abgeranzt hier und hatte etwas vom Charme eines polnischen Dorfgrounds. Da merkte ich, dass nichts gekreidet war und alle zur anderen Straßenseite latschten. Dreck! Es wurde auf dem B-Platz, einer seelenlosen Plastikwiese, gekickt. Hier gab es weder Toiletten noch eine Kneipe. Erst beim zweiten Hinsehen sah ich dann noch etwas nach hinten gesetzt einen Tisch neben einem verkommenen Schuppen. Hier gab es ein paar Getränke, die aber zur Pause bereits recht pi…warm waren.
Ich würde gerne mal wissen, was der Mist soll, dass auf dem B-Platz gespielt wird. Schreibt es mir gerne mal.
Spiel
Ich war sehr gespannt, was der Aufsteiger gegen die Arrivierten zustande bekommt. Und ich war auch gespannt drauf, die rot-weiße, afghanische Tormaschine zu erleben. Masirullah Omarkhiel hat in der Aufstiegssaison 30 Mal geknipst. Und im ersten Spiel der Saison auch gleich wieder viermal. Kein Wunder, denn der 30-Jährige hat bereits beim MTV Gifhorn und Vahdet Braunschweig höherklassig sein großes Können unter Beweis gestellt. Erstmal war ich baff, dass sich beim Gast sage und schreibe 22 Mann aufwärmten. Es waren viele Jungspunde dabei, weshalb ich vermute, dass da einige langsam an die Herren herangeführt werden sollen. Bei den vielen Jugendkickern im Verein wird das der richtige Weg sein.
Das Spiel zweigte von Beginn an Rasse und Klasse. Torszenen und Tore auf beiden Seiten entschädigten etwas für den B-Platz. Nach und nach wurde Lamme überlegen und führte zur Pause mit 1:3. Nun sah ich, dass bestimmt 20 Fahrräder am Rande des Platzes stehen. Und unverzüglich mit dem Halbzeitpfiff flitzte ich zum Madamenweg um mein Rad zu holen. Ich war sehr erleichtert den Drahtesel noch da zu sehen. Selbst die brühwarme Apfwelsaftschorle konnte meine Erleichterung nicht trüben.
In der zweiten Halbzeit lief Lamme zur Hochform auf. Es war eine Freude, ihre schönen Kombinationen mit anzusehen. Und sie veredelten diese auch mit einem herrlichen Abschluss nach dem anderen gegen überforderte Aufsteiger. 2:7 hieß es letztlich. Ratet mal, wer die beiden Heimtore gemacht hat. Klar, Masi! Mit 6 Toren nach zwei Spielen zeigt er schon wieder seine absolute Klasse. Wobei er heute sogar von Kojolli mit seinen 4 Treffern getoppt wurde.
Stimmung
Meine Stimmung war erstmal im Arsch, weil nicht auf dem herrlichen A-Platz gespielt wurde. 94 Zuschauer sind ordentlich. Und kein Wunder, dass fast die Hälfte aus dem nahen Lamme gekommen ist. Fanszenen im eigentlichen Sinne haben beide Clubs nicht. Der meistgenutzte Anfeuerungsruf war heute "Weiter, Bruda". Der absolut negative Stimmungshöhepunkt wurde durch eine kuriose Geschichte verursacht. Lamme wollte wechseln. Aber der Linienrichter wies ihren Trainer daraufhin, dass er schon 5 Mal gewechselt habe. Nach mehrminütiger Diskussion auch mit dem Schiri wurde nicht gewechselt. Der Linienrichter hatte also recht. Das brachte einen Betreuer von Rot-Weiß vollkommen zum Durchdrehen. Wie von Sinnen bepöbelte er den Linienrichter. Es sei nicht sein Job, auf so etwas hinzuweisen. Er solle Abseits anzeigen und sonst nichts. Er bekam sich gar nicht wieder ein und tobte bestimmt 5 Minuten lang hinter dem korrekten Linienrichter entlang. Wie unsportlich ist das denn? Wenn man den Männern in Schwarz einen Vorwurf machen kann, dann den, diesen Typen nicht des Feldes verwiesen zu haben. Seitens der Lammer kam nur der Hinweis: „Ist kein Wunder, wenn keiner mehr Schiedsrichter werden will.“
Fazit
Bis in die 80er Jahre hieß der Ground unspektakulär "Sportanlage am Madamenweg". Preisfrage: "Wer weiß, woher dieser etwas eigentümliche Straßenname stammt?" Er hat eine wunderbare Geschichte.
1681 heiratet der Braunschweiger "Herzog Rudolf August" "Rosine Elisabeth Mente". Er war 54 Jahre alt und gerade Witwer geworden. Schon seit längerem lockte ihn der knackige Anblick der Zofe seiner Verstorbenen, der Rosine. Und was lag dann näher, als die Zofe zu ehelichen? Dass sie erst 18 war, nahm er großmütig in Kauf. Und seine Rosine fuhr zur großen Freude der Braunschweiger regelmäßig vom Braunschweiger Schloss ins Vechelder Schloss, was er ihr als kleine Gefälligkeit schenkte. Und zwar ging es immer über den heutigen Madamenweg. Die junge Aufsteigerin wurde von den Bürgern nur "Madame Rudolfine" genannt. Und im Volksmund hieß der Weg nur "Damenweg" oder "Madamenweg". Auf einer historischen Karte wird er sogar edel "Chemin de Madame la Duchesse", also "Weg der Herzogin", bezeichnet. Aber erst 1860 wurde der Volksmund erhört und die Straße endgültig und auch formell "Madamenweg" benannt.
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