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Das gallische Dorf im Zonenrandgebiet

Autorenbild: Cookie
Cookie
vor 3 Tagen
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Fakten

Stadion

Elmstadion



Ort

Schöningen



Kapazität

5.000



Datum

16.09.2026



Spiel (Tabellenplatz vor Spiel)

FSV Schöningen (2.) - SC Weiche Flensburg 08 (1.)



Ergebnis

2 : 1



Zuschauer

1.180



Liga

Regionalliga Nord



Ebene*

4



Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt

9 / 17



Ground - alt / Anzahl Besuche

ja / 5



Ground - neu / Anzahl Grounds

nein



Spiel in 2026 / Gesamt**

47 / 364



*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen

** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt


Vorspiel 

Das Ticket für Meppen gegen Viktoria Köln war schon in der Wallet. Aber da ich in den letzten Wochen etwas zu viele schöne Dinge auf dem Zettel hatte, war mir nach einer kleinen Ruhepause und ließ es verfallen. So ganz ohne Hoppen sollte die Woche jedoch nicht abgehen. Und gleich um die Ecke von Braunschweig gab es ja ein absolutes Kracherspiel in der Regionalliga Nord: Der Zweite, FSV (Fußball-Sport-Vereinigung) Schöningen, bat den Ersten, SC Weiche Flensburg 08, zum Tanz. Ich finde die Erfolgsgeschichte der FSV richtig geil. Viele sehen das anders. Wenn ihr den Link klickt, könnt ihr zum Beispiel hier in einem Artikel von mir was drüber lesen: https://www.cookiehoppt.com/post/die-unbeliebten. Und die beschriebene Aversion scheint immer größer zu werden, je erfolgreicher der Club wird. Der FSV wird als künstlicher Retortenclub mit RB Leipzig und Co. verglichen. Er hätte keine Fanbase und keine Tradition. Für viel Geld werden Spieler mit höherklassiger Vergangenheit verpflichtet. Ich kann diese Kritik nicht teilen. Die FSV ist tatsächlich blutjung. 2011 fusionierten drei Schöninger Vereine, um die Kräfte zu bündeln und talentierte Spieler hier halten zu können. Bei einem Örtchen von 11 Tsd. Einwohnern im ehemaligen, immer noch strukturschwachen Zonenrandgebiet nahe Helmstedt eine sehr intelligente Idee. Und ja, Karsten Kräcker pumpte viel Kohle in "seinen" Verein. Er zeigte aber auch glaubhafte Visionen auf und holte dadurch Sponsoren und auch gute Spieler ran. Und ja, der Aufstieg ist wahnsinnig rasant. Zur Gründung 2011 mußte die FSV noch in der Kreisliga Helmstedt ran (8. Ebene). Dann stieg er sage und schreibe 4-mal in 14 Jahren auf. Und nun klopft sie sogar ans Tor zur 3. Liga. Heute kann tatsächlich bei einem Sieg etwas Historisches geschehen: Der Gerade-Noch-Kreisligist kann Spitzenreiter der Regionalliga werden. Und Cookie ist dabei! Wie geil ist das denn? Es erinnert mich hier irgendwie an ein gallisches Dorf, nur nicht in der Bretagne, sondern im ehemaligen Zonenrandgebiet.

Zu Gast ist heute einer der Arrivierten der Regionalliga Nord: der SC Weiche Flensburg 08. Auch wenn man da wohl abseits des Nordens eher an Handball und die SG Weiche-Handewitt denkt. Krasser könnte der Vergleich mit Schöningen nicht ausfallen. Weiche Flensburg war 2012 Gründungsmitglied der Regionalliga Nord (da war Schöningen noch Kreisligist) und spielt somit ihre 15. Saison in der Liga. Und das extrem erfolgreich. Ganz oft kämpften sie bereits mit um den Aufstieg. Wie auch jetzt schon wieder. Ob es diese Saison endlich damit klappt? Aber etwas verbindet die Vereine dann doch, denn auch Flensburg ist ein strukturschwaches Randgebiet, wenn auch zu Dänemark und nicht zu Sachsen-Anhalt.


Ground

Der Ground ist wunderschön gelegen, mit Blick über weite Felder bis nach Sachsen-Anhalt. Wobei: Ist das heute tatsächlich noch ein schöner Ausblick? Aber es leben ja auch viele nette Leute da, was ich aus eigenem Erleben sagen kann, da ich in Magdeburg viele Jahre gelebt und gearbeitet habe.

Unser Auto hatte Uschi heute in Beschlag, sodass ich mit Bahn, Bus und per pedes unterwegs war. Bis zum Busbahnhof Schöningen ging noch alles gut. Dann begann eine Odyssee. Der angeblich gar nicht sehr lange Fußweg entpuppte sich als Bergwanderung, was bei meiner stattlichen Anzahl an Kilos durchaus herausfordernd war. Und dann führte mich Google Maps noch falsch, was ich recht spät merkte. Ich schnaufte wie ein Walross und hatte die Schnauze voll. Ich rief ein Taxi. "Leider derzeit keins frei", hieß es. Es gibt Tage … So schnaubte ich weiter per pedes hoch zum Elmstadion. Und gute 10 Minuten vor Anpfiff war ich durchgeschwitzt, aber immerhin gerade noch pünktlich da.

Einen weiteren, dicken Pluspunkt hätte der Ground fast bei mir gesammelt. Es zogen zur Pause hin fiese dunkle Regenwolken auf. Und ich natürlich nur im T-Shirt. Da kam die Rettung durch den Stadionsprecher: „Die Regenwolken kommen zwar heran, aber es gibt im VIP-Zelt für sehr kleines Geld Schirme und Regencapes.“ Wie geil ist das denn? Gleich hin. Ernüchterung machte sich dann aber bei mir breit, als die Bedienung nur mit einem ungläubigen "Hä?" auf meinen Wunsch danach antwortete. Hier besteht wohl noch Kommunikationsbedarf im Verein. Auch das Catering ist eher für 200-300 Zuschauer ok. Jedoch nicht als für mehr als 1.000. Ich musste nach dem "Hä?"-Ereignis dort satte 20 Minuten auf meine Pommes warten und verpasste die erste Viertelstunde der zweiten Hälfte. Naja, da liegt tatsächlich noch das eine oder andere im Argen. Auch ein Tribünendach und ein paar vernünftige Toiletten in Tribünennähe statt der drei Dixi-Klos wären natürlich wünschenswert. Aber Achtung: Vor 15 Jahren noch Kreisliga. Das benötigt natürlich alles Zeit und Geld und es ist schon so viel geschehen, da wird sich bestimmt im Laufe der Jahre noch einiges tun. Und ein bisschen Kreisligacharme lieben wir Groundhopper ja sowieso!


Spiel

Hielt das Spiel, was es versprochen hat? Ich würde sagen: Ja! Gab schon besseres. Aber wechselnde Spielanteil. Kämpferisch aber stets fair. Beide Sturmreihen waren immer torgefährlich. Die Abwehrreihen waren fast immer aufmerksam. Von den Auswechselbänken kamen gute Impulse. Und auf jeden Fall 90 Minuten Hochspannung.

Zu Beginn fand aber nur der Gast statt. Und verdient, wenn auch durch einen groben Abwehrbock, gingen sie in Führung. Erolind Krasniqi war's. Der hat mich schon mal bei einem Spiel beim ETSV Hamburg begeistert. Zu der Zeit schoss er die Oberliga Hamburg wund. Kurz vor deren Aufstieg machte sich aber ihr Hauptsponsor vom Acker und alles zerfiel dort erstmal etwas. Spätstens mit dem etwas überraschenden Ausgleich Ende der ersten Halbzeit war Schöningen im Spiel. Zum Zungeschnalzen gab es auch was, denn kurz vor seinem Treffer spielte Robin Kölle den "Maradonna". Er nahm eine weite Vorlage so butterweich an, dass die Pille quasi am Fuß klebte, ließ dann 3 Flensburger alt aussehen und scheiterte leider knapp am Keeper. Aber kurz danach machte er es dann doch. Auch in der zweiten Hälfte war der Underdog meines Erachtens sogar etwas besser. Es gab wohl auch Pfostentreffer, aber da stand ich noch in der Pommes-Schlange. Als sich die Fans mit einem Punkt arrangierten, kam der Höhepunkt des Abends. In der 88. Minute graupelte die FSV tatsächlich noch einen rein. Und so geht das Märchen tatsächlich weiter: Spitzenreiter!


Stimmung

Als ich kurz vor knapp ankam, dachte ich: Wow, so viele Gästefans an einem Mittwochabend. Und das bei 399 km laut Google Maps. Hoffentlich hatten die nicht die gleichen Probleme bei der Wegführung. Aber sie waren ja eher mit dem Auto da. Vor ihrem Käfig merkte ich es endlich. Im Auswärtskäfig waren die Heimfans eingesperrt. Und das freiwillig. Aber dann fiel es mir wieder ein, dass diese stinksauer sind, weil die Gäste nun an ihrer angestammten Stelle sind. Nur heute nicht, weil kaum einer da war. Das Motto der Fans lautet: "Unser Block ist unser Block"! Und sie haben auch ordentlich an Fahnen, Banner, Klamotten, Trommeln und so aufgefahren. Als ich kam stimmte ihr Capo sie gerade ein: "Heute können wir Spitzenreiter werden". Und 1.180 Zuschauer sind doch auch erstmal ok. Immerhin hat der Ort ja nur knapp 12 Tsd. Einwohner und drum rum ist fast garnichts. Anhand der Gespräche wie "Im Stadion kostet Curry/Pommes aber nicht 8,50 € wie hier" und einigen Eintracht-Trikots merkte ich, dass viele aus Braunschweig da waren. Die Fans sangen immer wieder mal. Wobei man fairerweise sagen muß, dass bestimmt nur 20 bis 30 mitmachten. Oft war es auch sehr still im Elmstadion. Der Stadionsprecher verarschte mich zwar mit dem Regencappie aber ansonsten machte er es gut. Und "Der Zug hat keine Bremse" nach ihren Toren ist derzeit hier auch irgendwie passend. Dass es nach dem 2:1 richtig laut wurde und Spieler mit Fans ausgelassen feierten, ist selbstredend. Es schallte nur "Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!".

Wie vieles hier, wächst auch die Fanszene gerade zusammen und entwickelt sich. Sowas benötigt natürlich Zeit, aber ich spüre, dass sie Bock auf ihren Verein und auf mehr FSV haben. Und das erinnert mich nicht an RB Leipzig, sondern an den SV Elversberg.


Fazit

Und irgendwie begann alles mit einer Vision, die Karsten Kräcker hatte. Der Typ ist eigentlich gelernter Bäckermeister. Und mit seiner Holden zusammen betreibt er Gaststätten und Cafés in Braunschweig und Wernigerode. Noch nicht mal besonders viele. Aber in den wenigen Teilen scheint das Verticken von Bienenstich und Cheeseburgern richtig was abzuwerfen. Er scheint einer der seltenen Menschen zu sein, die einen sicheren Instinkt dafür haben, womit man Kohle machen kann. Aber eigentlich muss es nicht heißen "womit", sondern eher "wie". Das "Womit" besteht eben aus Cheeseburgern und Bienenstich und ist eher nix besonders Originelles. Aber das "Wie" ist schon der Hammer: Denn gerade in dieser so umkämpften Branche, gibt es nun ja Pleiten wie in keiner anderen. Aber Kräcker macht damit ordentlich Schotter. Und dann steckt der Kerl seine Bienstichkohle auch noch in einen Fußballverein und führt den zum grandiosen Erfolg. Ich sage nur: Hut ab, Herr Kräcker!


Fotos


4 Kommentare

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Gast
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Moin Cookie,


deine Berichte werden immer besser. Sehr unterhaltsam und liebevoll geschrieben. Die Bienenstichkohle war mein Highlight :)

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Gast
vor einem Tag
Antwort an

Dankeschön für die Blumen 😊. Unbd das nächste mal in Wernigerode Bienenstich mampfen; kommt alles der FSV zu Gute ...

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Marcel
vor 2 Tagen
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Moin, Cookie! Einen sehr schönen Blogbeitrag über unsere FSV hast du da geschrieben. 👍 


Es ist auch wirklich schön, mal einen unaufgeregten Text zu lesen, abseits von Polemik wie „hochgezüchteter Investoren-Club“. Viele sehen ja leider nicht, dass Schöningen und die FSV mit dem FC 08 als dem größten der drei Stammvereine auf eine über 100-jährige Fußballtradition zurückschauen kann …


[Zwei, drei kleine Korrekturen, wenn du magst: Der Verein heißt kurz „FSV Schöningen“ („Fußball-Sport-Vereinigung Schöningen von 2011 e. V.“); die „08“ bei deinem Facebook-Beitrag in der Groundhopping-Gruppe hintendran ist nicht richtig – wenngleich einer der drei Stammvereine ja der „FC Schöningen 08“ ist. Da das „FSV“ für „Fußball-Sport-Vereinigung“ steht, ist es auch die FSV. Und Karsten Kräcker schreibt sich auch vorne mit K. 😉]

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Gast
vor einem Tag
Antwort an

Danke für deine netten Worte und deine Hinweise 🙆‍♂️

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