Große Herzlichkeit in Salzghetto
- Cookie

- 4. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Apr.
Fakten
Stadion | CAN-Sportpark | ||
Ort | Salzgitter-Lebenstedt | ||
Kapazität | 1.000 | ||
Datum | 02.04.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | KSV Vahdet Salzgitter (12.) - MTV Salzdahlum (14.) | ||
Ergebnis | 0 : 1 | ||
Zuschauer | 72 | ||
Liga | Bezirksliga Braunschweig 3 | ||
Ebene* | 7 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 8 / 16 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 170 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 11 / 328 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Ich lag eine Woche brach wegen einer Erkältung. Deshalb war heiß wie Nachbars Lumpi auf das Spiel. Und es zog mich am Gründonnerstag ins Nahe Salzgitter-Lebenstedt zum Abstiegskracher KSV Vahdet Salzgitter gegen den MTV Salzdahlum. Lebenstedt ist mit über 46.000 Einwohnern der mit Abstand größte Stadtteil Salzgitters. Bis 1937 war es ein beschauliches Dorf. Dann kamen Adolfs Schergen und gründeten das Stahlwerk, und zwar genau dort, wo das Dorf lag. Die Menschen wurden umgesiedelt und Lebenstedt explodierte. Kurz hieß es auch "Hermann-Göring-Stadt". Der neue Ort wurde sinnigerweise entgegengesetzt zur üblichen Windrichtung gebaut. Das Wahrzeichen der Stadt spricht für sich: Es ist der "Turm der Arbeit". Es ist sehenswert, da es die spannungsvolle Geschichte von Lebenstedt auf knapp 14 Metern Höhe eindrucksvoll erzählt. Natürlich benötigt das Stahlwerk viele Arbeiter. Und so ist das Werk bis heute dankbar für die vielen Ausländer, die herkamen. Der Ausländeranteil liegt hier deshalb bei extrem hohen 35% (die meisten aus davon aus Syrien) Das führt hier leider zu den üblichen Spannungen in der Gesellschaft. Auch hohe Kriminalitätsraten führten dazu, das Salzgitter im Volksmund "Salzghetto" genannt wird.
1988 wurde der "Kultur und Sportverein Vahdet Salzgitter e.V. 88" gegründet. Es sollte ein Verein werden, wo jede und jeder Willkommen ist. So ist Vahdet auch ein türkischer Begriff für Einheit, Einigkeit und Vereinigung. Sportlich war ihre beste Zeit die in der Landesliga. Nun hat sich der Club seit längerem in der Bezirksliga etabliert. Ungefähr die Hälfte der Spieler sind Türken und die anderen Deutsche.
Der Gast hat ebenfalls das Wörtchen "Salz" im Namen, nämlich Salzdahlum. Es ist ein Ortsteil von Wolfenbüttel vor den Toren Braunschweigs. Und man glaubt es kaum, von den ehemaligen Salinen ist noch ein Relikt vorhanden. Aus einer Anhöhe nahe Salzdahlum quillt heute noch Salzwasser. Und nicht nur das, es gedeihen hier sogar Pflanzen, welche es sonst nur in Küstennähe gibt, mit schillernden Namen wie "Strand-Aster" usw. Stolz ist der Ort auf seinen MTV, der sich seit langem schon wacker in der Bezirksliga hält.
Ground
Woher kommt der Name "CAN-Sportpark"? CAN ist ein Großhändler, der die Gastronomie im Umkreis von 200 Kilometern versorgt. Den Schwerpunkt stellen natürlich türkische Lebensmittel dar. Und so ist dieses renommierte Unternehmen auch der Hautpsponsor des Vereins und Namensgeber der Fußballanlage. Früher hieß sie "Sportplatz Rudolf-Harbig-Straße". Auf der weitläufigen Anlage gibt es 7 Fußballplätze. Wenn mal etliche Spiele gleichzeitig stattfinden, dann entsteht auch mal Volksfestatmosphäre. Heute wurde auf dem Hauptplatz mit Rasen und unter Flutlicht gekickt. Wenn du kommst, fällt erstmal die großzügige Parkplatzsituation auf. Der zweite Eindruck ist dann eher nicht so schön. Es wirkt auf dem Weg zum Platz recht schmuddelig und ungepflegt. Leider ist das auch für die WC-Anlagen zu sagen. Etwas sonderbar sehen die Torpfosten hier aus. Sie sind gelblich mit größeren weißen Flecken, wie angepinselt. Wirkt komisch. Hinter dem Kassentisch ist ein kleines Häuschen mit Catering und Unterstand mit vier Bänken und zwei Tischen und das überdacht. Der nette Kassierer empfahl mir Köfte und kühle Getränke, wobei bei den Temperaturen bei mir ein Kaffee fällig war (frisch und lecker). Ich finde es gut, wenn solche Vereine ihre nationalen Speisen, wie hier eben Köfte anbieten. Allerdings sah ich niemanden, der das aß. Ob das ein Zeichen ist? Der Rasen sah oberflächlich gut aus. Allerdings täuschte das, denn ein gepflegter Flachpass war nur an den wenigsten Stellen möglich. Was mir sehr gefiel, war eine lange Reihe von Holzbänken, die sich an der gegenüberliegenden Seite der Trainerbänke befinden. Ich schätze mal, dass diese circa 150 Personen Gelegenheit zum Sitzen bieten. Alles in allem würde ich den Ground als "geht so" bezeichnen. Und um die WCs sollte man sich dringend besser kümmern.
Spiel
Das Spiel bot richtige Brisanz. Salzdahlum auf einem Abstiegsplatz und Vahdet nur knapp davor. Aber der Trend spricht für den Gast. Und das Spiel ging gleich ab wie die Luzie. Nach 30 Sekunden setzte ein Lebenstedter gleich mal ein Ausrufezeichen und knallte den Ball an den Innenpfosten. Das Doofe daran: Es sollte nicht nur die ziemlich beste, sondern auch fast die einzige Torchance der Heimelf bleiben. Nach holprigen 15 Minuten des Abtastens übernahm der MTV das Zepter. Den Kickern musste man zugutehalten, dass auf dem Boden ein gepflegtes Spiel kaum möglich war. Der Gast erspielte sich aber schon in Hälfte eins erste dicke Dinger, die aber vergeben wurden. Das 0:0 war schmeichelhaft für Vahdet. Das Spiel wurde dann richtig schlecht. Aber so ab einer Chance in der 67. Minute für den MTV ging es endlich gut ab. Es sollten Chancen fast im Minutentakt folgen. Alle für Salzdahlum. Von der Heimelf war nichts zu sehen. Aber alle Chancen wurden teilweise kläglich vergeben und ich fand mich mit meinem ersten 0:0 in 2026 ab. Solch einen Chancenwucher habe ich fast noch nie gesehen. Manchmal nutzt der Kontrahent das dann ja sogar noch zum vollkommen unverdienten Sieg. Heute aber nicht, denn 10 Minuten vor Schluss netzte Oehlmann tatsächlich doch noch ein. Und selbst danach kam keine Schlussoffensive der Heimelf mehr. Im Gegenteil, der MTV vergab weiter munter seine Torchancen zum 0:2. Eigentlich hätte das Spiel 0:6 und 0:7 ausgehen müssen. Wenn der KSV nicht schnell ein komplett anderes Gesicht zeigt, wird es das mit der Bezirksliga gewesen sein. Schaun mer mal.
Stimmung
72 Zuschauer sind so mittel finde ich für solch ein brisantes Spiel. Stimmung gab es keine. Die Heimzuschauer waren recht schnell frustriert und frohlockten bis zur 80sten Minute, dass sie keinen eingeschenkt bekamen. Und dann passierte noch außergewöhnliches, denn nach dem Abpfiff skandierten ein paar Salzdahlumer tatsächlich "Auswärtssieg, Auswärtssieg". Aber nun komme ich zum Schönsten des Abends: Es begann pünktlich zum Anpfiff leicht zu tröpfeln. Und da ich ein Weichei bin, ging ich zügig zum Unterstand, um mir ein trockenes Plätzchen zu sichern. Die netten Gastgeber rutschten etwas zusammen und so war ich zwischen ihnen. Ich empfand es wirklich als ausgesprochen schön, wie herzlich die Leute zueinander waren. Und auch mich bezogen sie etwas ein. Und jeder der neu dazukam, begrüßte alle, auch mich per Handschlag und einem "Hallo" oder "Salam alaikum". Auch das Spiel kommentierten sie sehr fair und erkannten die Leistung des Gegners an. Das war sehr, sehr nett bei euch. Danke für eure Gastfreundschaft!
Fazit
Der Heimverein hat sich auf die Fahnen geschrieben für Respekt und Toleranz einzustehen. Das ist so wichtig, gerade in diesen Zeiten. Die Stadt Salzgitter honorierte 2022 diese Bemühungen mit dem "Respekt"-Schild. Die Initiative dazu kam von der IG-Metall. Insbesondere soll auf den hiesigen Fußballplätzen auf verbalen Rassismus aufmerksam gemacht werden. Das Motto lautet: "Respekt! Kein Platz für Rassismus!". So veranstaltet der KSV zum Bespiel ein Familienfest zu dem seit mehr als 10 Jahren jährlich Tausende Besucher zum CAN-Sportpark pilgern und sich an überwiegend türkischen Leckereien erfreuen. Ziel dessen ist es, dass Menschen aller Nationalitäten und Religionen Zeit miteinander verbringen. Find ich klasse! Aber ich stelle mir dann gerade die Frage, ist es wirklich gut, wenn die Menschen anderer Nationalitäten eigene Vereine gründen? Fördert das nicht Parallelgesellschaften? Sollten nicht Menschen aller Herren Länder in einem gemeinsamen Verein des Gastgeberlandes spielen? Bedarf es wirklich der Vereine wie Vahdet, Croatia oder Makkabi? Mich würde eure Meinung dazu interessieren!
Fotos













Kommentare