Im sächsischen Manchester
- Cookie

- vor 5 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | eins-Stadion an der Gellertstraße | ||
Ort | Chemnitz | ||
Kapazität | 15.479 | ||
Datum | 04.08.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | Chemnitzer FC (1.) - FSV Zwickau (11.) | ||
Ergebnis | 3 : 1 | ||
Zuschauer | 10.003 | ||
Liga | Regionalliga Nordost | ||
Ebene* | 4 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 6 / 17 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 186 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 36 / 353 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
In der Regionalliga Nordost gibt es in dieser Saison 4 englische Wochen. Cookie nutzt mal gleich die erste und düst nach Chemnitz. Dort ist nämlich gerade nach zwei Siegen und der Tabellenführung eine große Euphorie ausgebrochen. Und wenn dann noch Zwicke kommt, was nur 40 Kilometer entfernt ist … Der Sportdirektor hoffte deshalb auf 10.000 Zuschauer.
Und ich konnte mich dann auch gleich noch mit meinem alten Chemnitzer Kameraden Steffen treffen. Der erzählte mir auch vor dem Spiel vor dem Rathaus bei Spaghettieis etwas über seine Stadt. Er kommt übrigens aus Zwickau.
Aber ich will erstmal sagen,, was Honi über Karl-Marx-Stadt denkt. Er taufte Chemnitz nämlich am 10. Mai 1953 in Karl-Marx-Stadt um. Lametta-Erich schwärmte über die Stadt: „Wer wissen will, wie der Marxismus auf deutschem Boden lebendige Wirklichkeit geworden ist, der mag in diese Stadt kommen.“ Noch heute wird die Stadt "Manchester des Westens" oder "Sächsisches Manchester"genannt. Ich bin sehr gespannt auf die "Stadt der rauchenden Schlote". Kalle zu Ehren bauten sie seine Rübe in überdimensionierter Größe in die Stadt. Die Büste würde Peking oder Pjöngjang alle Ehre machen. Steffen beschrieb die Chemnitzer mit "Wir sind hier ein derbes Volk". Passt ja auch bestens in den früheren Arbeiter- und Bauernstaat. Heute schwärmt er aber auch in höchsten Tönen von der Kunst und der Kultur hier. Ein Paradebeispiel dafür ist der Nischel (sächsisch auch Nüschel für Schädel oder Rübe). Der wird heute zu Lichterfesten wunderschön illuminiert. Ein weiteres Beispiel gefällig? Es gibt hier wohl das weltweit höchste Kunstwerk, einen Schornstein des Heizkraftwerkes. Dieser wird allabendlich in ein farbenfrohes Kunstwerk verwandelt. Die Beispiele zeigen, wie Chemnitz im Wandel ist. Nach dem 2. Weltkrieg hatte die Stadt 360.000 Einwohner. Das ging rapide herab, fast bis auf 200.000. Steffen sagte auch, dass viele junge Leute (auch seine Töchter) lieber nach Hamburg, Dresden und Co. zögen. Aber langsam zahlen sich die Bemühungen hier aus und es gibt wieder Wachstum. Und zunehmend fühlen sich auch Akademiker hier wohl. Im aktuellen "Study Check Award 2025" belegte die Chemnitzer Uni Platz 1 von 578 Unis in Deutschland. Und weiter schwärmt mein Kamerad von den Freizeitmöglichkeiten hier. Selbst im Ort selbst gibt es die ersten kleinen Skilifte und das Erzgebirge mit Oberwiesenthal und Co.. ist ganz dicht dran.
Soweit sind die Zwickauer noch nicht. Hier herrscht schon seit Jahrzehnten die Automobilindustrie. August Horch gründete hier 1909 das Audiwerk. Dann wurde in der DDR der Trabi hier gefertigt im VEB Sachsenring Zwickau. Und noch heute produziert VW hier. Es werden bis zu 1.000 E-Autos pro Tag fertiggestellt. Aber das ist auch das Problem. Die Chinesen haben gerade bei E-Autos einen riesigen Vorsprung und so ist das Zwickauer Werk auf der VW-Streichliste.
Kommen wir zu den Teams. Historisch eindeutig erfolgreicher ist der FSV Zwickau, zu DDR-Zeiten eben Sachsenring Zwickau. Sie wurden zum Beispiel 1948 erster Ostzonenmeister. Und 1950 gewannen sie auch die erste DDR-Meisterschaft. Drei Mal wanderte der FDGB-Pokal (Karl-Marx-Stadt einmal) nach Zwickau. Und einmal kamen sie sogar ins Europapokal-Halbfinale. Liebevoll werden sie heute "Schwäne" genannt, weil die drei Schwäne des Stadtwappens ins Vereinslogo übernommen wurden.
Da kann der CFC nicht ganz mithalten. Aber einen Meistertitel holten sie sich. Und wann? Die Eintracht-Braunschweig-Fans wird's freuen: 1967! "Mit Erler, Vogel, Feister, der FCK wird Meister", so jubelte man damals voller Euphorie. Aber so richtig viel kam dann nicht mehr rüber. Und auch dieser Club hat einen coolen Spitznamen, nämlich "Die Himmelblauen", entsprechend den Farben ihres Logos.
Ground
Über den Ground an der Gellertstraße gibt es so viele Geschichten, dass es hier den Rahmen sprengen würde, alle zu erwähnen. Er wurde jedenfalls 1933 eingeweiht. Der Schlachtruf zur Eröffnung war "Eins, zwei, drei: Polizei", denn der erste Hausherr war der Polizei-SV Chemnitz. 22.000 Zuschauer fasste der Ground (heute 15.000). Die Wucht der Chemnitzer Fans zeigte sich schon kurz darauf im Freundschaftsspiel gegen Real Madrid. Dem damaligen Welttorhüter Ricardo Zamora wurden bis zur Pause zwei Buden eingeschenkt. Daraufhin hatte der keinen Bock mehr und blieb lieber in der Kabine. Die Chemnitzer Fans drehten deshalb dann solange frei, bis der Referee das Spiel unterbrechen musste. Es konnte erst fortgesetzt werden, als Zamora widerwillig wieder auf den Platz kam. Zum Jugendländerspiel DDR gegen BRD kamen 30.000 (!) an die Gellertstraße. Mutig wurde ein Plakat gezeigt mit "Ost-Berlin grüßt Sepp (Herberger) und seine Mannen". Und Assi Helmut Schön wurde frenetisch mit "Helmut, Helmut" gefeiert. 1970 pfiff WM-Endspiel-1974-Schiri Rudi Glöckner einen Elfer im Pokalspiel für Vorwärts Berlin an der Gellertstraße. Aber nicht mit den Karl-Marx-Städtern. Die stürmten ob der Fehlentscheidung den Platz und vermöbelten den Linienrichter mit seiner eigenen Fahne. Eine wochenlange Platzsperre war die Folge. Als sie danach in Halle gegen Aue antreten mussten, brachten Wismut-Aue-Fans einen Sarg mit der Aufschrift "Tod dem FCK" mit ins Stadion. Die Stasi musste schon wieder im Zusammenhang mit dem FCK ermitteln.
Das heutige in Himmelblau strahlende Stadion wurde erst 2016 so gebaut. Noch immer wird es nach dem früheren sächsischen Innenminister Kurt Fischer Fischerwise genannt. Es ist ein schmuckes Stadion. Heim- und Gästefans stehen sich (in den Kurven) gegenüber. Nur eines ist übel: das Catering. Zumindest, wenn man Vegetarier ist. Es gibt hier für uns nur eine öde, wie trockene Brezel. Normalerweise hat bei uns im Raum Braunschweig mindestens jeder Bezirksligist wenigstens Pommes im Angebot. Warum denn hier nicht? "Läuft hier nicht", war die Antwort. Dafür zischte das bestens gekühlte Feldschlösschen-Pils hervorragend.
Spiel
Wenn du hohe Erwartungen hast, werden sie meist nicht erfüllt. Das traf auch heute zu. Sie wurden übertroffen. Der CFC zog eine Show vom Allerfeinsten ab. Zur Pause stand es bereits 2:0. Es hätte aber gut und gerne auch 4 oder 5:0 heißen können. Zwicke wurde regelrecht niedergewalzt. Und was für fantastische Spielzüge die Himmelblauen zeigten. Das kann doch kein Regionalligaverein sein, wunderte ich mich. In der zweiten Halbzeit ging es ähnlich weiter, obwohl der CFC sich etwas zurücknahm. Verwunderlich war die Herangehensweise des Gäsre-Trainers, der zur Halbzeit trotz der schlimmen Nichtleistung nicht auswechselte. Er holte das in der 71. Minute mit einem 5-fach-Wechsel nach. Das muss einer verstehen. Hat aber auch sowieso nichts gebracht. Nun hat der CFC 9 Punkte aus 3 Spielen und grüßt von oben. Ich bin echt gespannt, wie das mit ihnen in der so saustarken Regionalliga Nordost weitergeht.
Stimmung
Das Wichtigste vorab: Es gab keinen Platzsturm und der Linienrichter wurde nicht verkloppt. Es herrschte eine tolle Atmosphäre. Man konzentrierte sich beiderseits auf die Anfeuerung der eigenen Elf und ich vernahm kaum Schmähgesänge. Von den 10.000 Fans kamen 2.000 aus Zwickau. Das sind noch mehr als vorige Saison Chemnitzer nach Zwickau fuhren (1.700). Und im Gästeblock leuchtete das Dynamo-Gelb der Fanfreunde aus Dresden. Die Heimfans wussten gar nicht, was sie zuerst singen sollten: "Spitzenreiter, Spitzenreiter" oder "Derbysieger, Derbysieger" oder auch "Der FCK ist wieder da". Vielleicht noch beeindruckender war für mich die Anfeuerung für die Schwäne. Trotz des lustlosen Auftritts ihrer Elf supporteten sie das ganze Spiel über unverdrossen durch. Gut, einmal drehten sie dabei ihrer Elf den Rücken zu. Etwas suspekt war es für mich im Zwickauer Block, das Banner mit der Aufschrift "Ultra Zwickau" zu sehen, denn es war auf Russisch. Hier kommt selbst heute noch die alte Freundschaft mit den Russen durch. Tumulte gab es dann aber doch noch, aber auf dem Platz nach dem Spiel. Hier gingen dem Zwickauer Veron Dobruna die kosovarischen Nerven durch. Er schrie „Hurensöhne“ zum Heimblock, was dann doch noch fast zu einer Klopperei führte.
Der Stadionsprecher forderte nach Spielende schon mal auf: "Alle nach Halle!" und weckte Vorfreude auf das nächste Heimspiel "Gegen die Ungeliebten aus dem Tal". Ihr wisst, das waren die mit dem Sarg.
Das absolute Highlight war für mich aber die Rückfahrt mit dem Bus. Alles war sehr ruhig, was ich aus Braunschweig anders kenne. Nur zarte Gesänge waren zu vernehmen. Da fragte der Busfahrer über Mikro: "Ist das alles?" Nach ein paar Sekunden der Verarbeitung legten sich die Fans dann richtig ins Zeug. Und als es wieder nachließ, bekamen sie wieder Lack vom Busfahrer. Das gipfelte darin, dass die restliche Zeit der Busfahrer gefeiert wurde. Sowas Cooles habe ich noch nie erlebt!
Fazit
Was war das für ein geiler Trip. Zum einen konnte ich meinen alten Weggefährten Steffen mal wieder sehen. Und dann habe ich auch dank ihm ein völlig anderes Bild von Chemnitz bekommen, als erwartet. Ich schätze, dass es nur wenige Städte in Deutschland gibt, die sich in solch einem vehementen Wandel befinden wie diese Stadt.
Steffen dazu: „Der Ruf ist schlechter als das Ist. Aber das passt schon, es soll ja auch nicht jeder wissen, dass es hier gut ist. Sonst kommen die alle …“
Fotos













Kommentare