Nimm eine Pistole mit!
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- 3. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Juni
Fakten
Stadion | BZA Burgwallstraße |
Ort | Blumenthal |
Kapazität | 6.000 |
Datum | 03.06.2026 |
Spiel (Platzierungen) | Blumenthaler SV (2.) : 1.FC Germania Egestorf/Langrder (2.) |
Ergebnis | 3 : 2 |
Zuschauer | 806 |
Wettbewerb | Aufstiegsrelegation Regionalliga Nord |
Ebene* | 5. (Bremenliga) : 5. (Oberliga Niedersachsen) |
Liga (vollständig) | 1 von 16 |
Ground alt / Anzahl Besuche | nein |
Ground neu / Anzahl Grounds | ja / 181 |
Spiel in 2026 / Gesamt** | 29 / 346 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Das heutige Spiel hat einen tieferen Sinn. Eigentlich sogar mehrere. Erstens knistert es immer schön bei Relegationsspielen. Zweitens kann der Niedersachsenvertreter 1. FC Germania Egestorf-Langreder heute was für den Aufstieg und somit die Rettung des von mir geschätzten MTV Wolfenbüttel tun. Nur bei deren Rettung dürfte der MTV Wolfenbüttel 2. aufsteigen in die Landesliga. Drittens kann ich mal meine Cousine und ihren Gatten (S04-Hardcore-Fan aus Lilienthal) wiedersehen.
Als ich mit dem S04er dazu telefonierte und ihm sagte, dass ich mir ein Zimmer in Blumenthal suchen werde, kam nur etwas nebulös, wie beunruhigend von ihm: „Dann nimm eine Pistole mit.“ Blumenthal, das hört sich doch fast romantisch an. War es auch mal. So kaufte Bremen-Blumenthal 1655, um die strategisch wichtige Weser zu sichern. Und gleichzeitig, um eine adäquate Altersresidenz für seine Bürgermeister zu haben. Die malerische Lage im Tal der Blumen wurde diesem Ansinnen vollkommen gerecht. Und weshalb soll ich dann eine Pistole mitnehmen? Ich recherchierte. Und fand Folgendes: 1893 zog die Bremer Vulkanwerft nach Vegesack/Blumenthal und sorgte für viele Jahre für Wohlstand und Arbeitsplätze. Der Konkurs der Werft gut 100 Jahre später hatte allerdings verheerende Folgen für die Arbeiter und ihren einst so schönen und wohlhabenden Stadtteil. Heute geschehen hier zusammen mit dem Stadtteil Gröpelingen die meisten Verbrechen. Na gut, dann buche ich eben ein Hotel am Bremer Hauptbahnhof, denn so gut bin ich nicht mehr vernetzt, dass ich so schnell eine Knarre kriege. Aber ich möchte euch noch was ganz Feines über Blumenthal sagen. Von hier aus kommst du nämlich mit der Weserfähre direkt zum Weserstadion. Wie cool ist das denn? Und natürlich ist das einzigartig in Deutschland: Park and Ride mit Boot ins Stadion!
Der Blumenthaler SV ist ein cooler Verein. Seine Glanzzeit liegt allerdings schon ein paar Jahrzehnte zurück. Das waren die goldenen 70er. Da war man zum Beispiel 3 Mal in der DFB-Pokal-Hauptrunde und auch in der drittklassigen Oberliga Nord. Heute ist der Club insbesondere auf seine Jugendarbeit stolz. Sie gilt als die zweitbeste nach der von Werder in Bremen. In der ersten Herren kommen regelmäßig mehr als die Hälfte der Spieler aus der eigenen Jugend. Und auch auf ihre Weltoffenheit sind sie hier stolz. Die Vereinsmitglieder stammen aus sage und schreibe 27 Nationen. Klasse, Blumenthaler SV!
Drittklassig war der 1. FC Egestorf-Langreder noch nicht. Aber immerhin schon mal drei Jahre in der viertklassigen Regionalliga Nord. Und dort wollen sie nun mit aller Macht wieder hin. Sie kicken in Barsinghausen, von wo ich neulich gerade aus dem NfV-Leistungszentrum berichtete. Weil da gerade ein Entscheidungsspiel nach dem anderen auf neutralem Boden stattfindet. Aber sie haben einen eigenen Ground. Sie scheinen einen guten Trainer zu haben, mit Boris Besovic. Zwar kommt der aus West-Peine, aber ich habe ihn mal kurz bei der Spielbeobachtung von Atlas Delmenhorst in Wolfenbüttel kennengelernt. Guter Typ! Und er hat das Team aus dem Keller geholt und kämpft nun um den Aufstieg.
Ground
Der Ground "BZA Burgwallstraße" stammt aus dem Jahr 1951 und ist kein ganz altehrwürdiger Ground. Früher war er mal für 10.000 Leute zugelassen. Aber das ist natürlich auch hier nicht mehr drin. Immerhin sind noch 6.000 gestattet. Da hier ein sozialer Brennpunkt ist, kommt dem Sport eine herausragende Bedeutung zu, um die Kiddies von der Straße zu holen. Der Verein hat ein sehr visionäres Konzept erarbeitet. In einer neuen Tribünenanlage soll ein Sportbildungszentrum mit multifunktionalen Räumlichkeiten entstehen. Und viele Ideen für soziale Projekte, wie "Sport gegen Gewalt" usw., liegen auch schon vor. Nochmal klasse, Blumenthaler SV.
Schon heute ist es ein charmanter Ground. Du stiefelst einen kurzen Anstieg vom Parkplatz hoch und blickst auf einen Rasenplatz mit Laufbahn. Linkerhand ist das Prunkstück der Anlage: die Tribüne. Und was für eine. Über die ganze Länge gibt es ein paar Reihen Stehplätze. Und smart, unten ist eine Reihe Sitzplätze. Das wirkt irgendwie niedlich. Das Originellste ist jedoch an der Wand hinter der Tribüne. Dort haben sich zwei einheimische Künstler verewigt. Sie haben 24 Landschafts- und Blumenbilder an die Wände gepinselt. Klasse, Blumenthaler SV. Gut, für eine Anzeigetafel und eine Flutlichtanlage hat es nicht mehr gereicht. Aber man muss Prioritäten setzen.
Spiel
Der heutige Verlierer ist quasi aus dem Herren. Das versprach Spannung. Und es ging auch gleich gut los. 1:0 für die Gastgeber und fast im Anschluss der Ausgleich. Und es sollte weiter reichlich Action geboten werden. Ein guter Bremer Angriff und der Gäste-Goalie rast aus seinem Kasten und räumt den Stürmer in Rambo-Manier voll Karacho ab. Rote Karte. War es der letzte Mann? Eigentlich nicht, aber sei's drum. Hoffentlich geht es so weiter! Und es ging so weiter. Fast beim ersten Heimelf-Angriff ließ der junge Ersatztorwart einen Trullerball aus den Händen fallen und Blumenthal sagte Danke: 2:1. Die arme Sau konnte einem leid tun. Und nun zeigte Egestorf mal eine richtig gute Einstellung. Unverdrossen liefen sie an und wollten den Ausgleich erzwingen. Dann kam ein weiterer Blackout. Eine vollkommen beknackte Sense im Mittelfeld eines Egestorfers wird natürlich mit Rot bestraft. Aber es wird noch geiler, denn selbst bei 9 gegen 11 rennen die Gäste weiter an. So etwas habe ich selten erlebt. Und dann werden sie kurz vor Schluss auch noch dafür belohnt. Eigentor zum 2:2. Damit bliebe eine kleine Aufstiegshoffnung bestehen. Aber was passiert denn heute hier? Es fällt das 3:2 in der Nachspielzeit. Selbst nach diesem nächsten Tiefschlag lassen sich die Gäste nicht hängen. Es geht vogelwild noch ein paar Minuten von Strafraum zu Strafraum. Dann Ende mit grenzenlosem Jubel und tiefer Enttäuschung. Uns taten die Roten jedenfalls extrem leid. Sie dürften damit auch vor dem letzten Spieltag raus aus der Verlosung sein. Blumenthal dagegen ist noch dick im Geschäft.
Stimmung
Meine eigentlich gute Laune sank gleich auf dem Parkplatz. Was ist das denn? Ein Bus in den in Braunschweig so unbeliebten Farben mit dem 97-1-Logo drauf. Die Gäste haben sich tatsächlich den Bus für diese Fahrt gemietet. Wurde ja auch bestraft.
Mich hat die Zuschauerzahl positiv überrascht: Immerhin 806! Gästefans sichtete und hörte ich quasi fast nicht. Dafür kamen aber satte 130 Groundhopper (16 %). Meine Laune sollte auch im Stadioninneren nicht besser werden. Ein Ordner fragte mich, wo ich herkäme. Als ich ihm „Braunschweig“ sagte, verzog er leicht angewidert das Gesicht, da er HSV-Fan ist. Und die pflegen ja bekanntermaßen mit West-Peine eine Fanfreundschaft. Weshalb jagen die Bremer den eigentlich nicht vom Hof? Mein Gott, was soll denn heute noch alles passieren?
Gesänge etc. gab es heute nicht. Eher situationsbedingte Emotionen. Und die wurden durch den Spielverlauf natürlich immer heftiger. Eine Ausnahme gab es aber: Drei Begels rasten etliche Male mit jeweils einer Blumenthal-Fahne um das Spielfeld. Aus denen wird mal was. Völlig überfordert war der Stadionsprecher. Erst vergaß er die Musik, die dann aber noch während des Spiels lief. Auch die Mannschaftsaufstellung verriet er erst während des Spiels. Ansonsten zeigte er Emotionen wie der Lagerbuchhalter der Zentralen Dienste von der Kommunalverwaltung. Er nuschelte die Tore und alles andere leise und emotionslos in den Äther. Ganz hart: Zwischendrin hörte man ihn auch immer mal wieder, allerdings vollkommen unverständlich. Wahrscheinlich kam er immer mal an den "On-Knopf". Ein geiler Typ!
Fazit
Von einer harten Nummer muss ich euch aber noch berichten. Neben uns saßen drei Damen der besonderen Art. Sie laberten von der ersten bis zur letzten Minute Stuss. Und nicht nur das. Es zog abwechselnd ein Schwall Zigarettenqualm und Parfum zu uns. Wir kannten dann ihre Berufe, wie Maskenbildnerin, und das Alter ihrer Männer und was nicht noch alles. Aber warum gehen die denn nur zum Fußball?
Das Geilste sollte aber noch kommen. Auf dem Weg zum Parkplatz werteten wir nochmal aus, was die für einen Müll verzapft hatten, und beömmelten uns köstlich. Da kam eine der Damen an uns vorbei, drehte sich nach uns um. Motto eindeutig. "Wenn Blicke töten könnten". Sie hat uns wohl schon eine ganze Weile ablästern gehört. Wie geil ist das denn?
Fotos















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