Der Söder von Berlin
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- vor 3 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | Stadion an der Alten Försterei | ||
Ort | Berlin | ||
Kapazität | 22.012 | ||
Datum | 10.05.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | 1.FC Union Berlin Frauen (9.) - TSG 1899 Hoffenheim Frauen (5.) | ||
Ergebnis | 0 : 2 | ||
Zuschauer | 13.829 | ||
Liga | Frauen-Bundesliga | ||
Ebene* | 1 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 7 / 14 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 178 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 22 / 339 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Ich hegte schon lange den Wunsch mal in die Alte Försterei zu Union zu fahren. Aber ich sah keine Möglichkeit an finanzierbare Karten zu kommen. So kam mir die Idee eines Frauenfußballspieles. Und Uschi und ich besuchen ja sowieso gerne Frauenspiele. Passte also.
Bereits zu Zeiten des "Kalten Kriegs" verfolgte ich fasziniert Union Berlin. Wenn Heinz-Florian Oertel in Sport Aktuell über die Spiele der DDR-Oberliga berichtete. Es war für mich faszinierend und schockierend zugleich, wenn bei den Spielen zwischen dem BFC Dynamo Berlin und Union Berlin so lange gespielt wurde bis der Stasi-Club führte. Zur Not musste eben ein Elfmeter herhalten, der natürlich nie einer war. Somit wurden wir alle auch Teile des "Kampfes der Systeme". Und die DDR gewann ihn immer. Die Derbys hatten schon immer eine große Brisanz. Zu Zehntausenden zogen die Union-Fans dann durch Berlin. Natürlich wurden sie von vielen Vopos begleitet und observiert. In der ehemaligen DDR gab es zwei berüchtigte Fan-Gruppen, die von Chemie Leipzig und Union Berlin. Beide zogen Gewalt gegen den Staat als ein Mittel des Widerstands in Betracht. Und Vopos hin, Vopos her, vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik skandierten die Köpenicker aus Tausenden Kehlen "Deutschland, Deutschland". Welch mutige Typen! Und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Union endlich in die Bundesliga aufstieg: Am 27. Mai 2019 war es soweit. Die 30 Jahre nach der Wende waren geprägt durch Frust, Enttäuschungen und Skandale. Dabei ging es so gut los. Es gab eine herzzerreißende Verbrüderung zwischen Hertha BSC und Union, mit Freundschaftsschals "Hertha- und Union-Power gegen Kommunistenmauer" und anderen Aktionen. Aber sie kamen einfach nicht hoch, mal klappte es sportlich nicht, mal gab es keine Lizenz wegen gefälschter Bürgschaften usw. Als in der Aufstiegsrunde 1991 Union bei Brandenburg verlor und deshalb der BFC nicht aufstieg zogen die Stasi-Club-Anhänger in die Wuhlheide und zerstörten vor Wut deren elektronische Anzeigetafel. Es gibt wohl wenige deutsche Vereine, die so reich an Geschichten sind, wie der 1. FC Union Berlin.
Und nun haben sie nicht nur eine erfolgreiche Männermannschaft. Sondern auch die Frauen sind in die Bundesliga aufgestiegen. Und nicht nur das, sie haben souverän die Klasse erhalten. Damit soll es aber nicht genug sein. Die Unionerinnen wollen angreifen. Mal sehen, wohin der Weg sie führt. Erstmal haben sie mit Marie-Louise Eta eine Trainerin für ihr zweites Jahr verpflichtet, die derzeit in aller Munde ist. Denn sie ist nach der Baumgart-Entlassung bis zum Saisonende die erste weibliche Trainerin einer Männermannschaft der Bundesligageschichte.
Der heutige Gegner, die TSG 1899 Hoffenheim ist dagegen mit 13 Jahren Zugehörigkeit schon "Eta"bliert in der Liga. In den Jahren 2020 und 2021 qualifizierten sie sich sogar für die Champions-League. Das ist in dieser Saison schwierig aber noch machbar. Ein Sieg heute ist deshalb ein Muss, um den Funken Hoffnung noch zu erhalten. Ihr absoluter Star ist die beste deutsche Stürmerin und beste Stürmerin der Bundesliga, Selina Cerci. Die 25-jähige war schon letzte Saison beste Torschützin und führt bereits wieder diese Rangliste an.
Ground
Wenn wir solch einen berühmten Ground besuchen, machen wir das nicht nur husch husch. Es ging am Samstag nach der Sky Übertragung von Eintrachts lebenswichtigen Sieg gegen Sch...Dynamo auf die Piste nach Köpenick. Und am Sonntag nach dem Frühstück erstmal den Ort besichtigen. Das Highlight war natürlich der "Hauptmann von Köpenick". Der steht als Denkmal vor seinem Rathaus, was er ausgeraubt hat. Und dadurch wohl zu einem der beliebtesten Verbrecher überhaupt wurde. Mit der Tram, wie sie die Straßenbahn hier nennen, führen wir dann eine kurze Strecke zur Wuhlheide, einem Wald beim Stadion. Dort befindet sich auf dem Weg auch die Alte Försterei, nach der das Stadion benannt wurde, weil es alle Leute nur so genannt haben. Der erste Blick ist ja bekanntlich immer der Schönste. Hier trifft das Besonders zu. Ein Industriegebäude im rauen, gelben Klinkerstil sieht interessant aus, nur nicht wie ein Stadion. Dann geht es erstmal an etlichen Fress- und Getränkebuden mit Holzbänken und -tischen entlang. Und durch eine Baulücke siehst du schon eine der Tribünen. Eine der so vielen Besonderheiten ist hier, dass drei Tribünen ausschließlich Stehplätze haben, was den Charakter des Vereins unterstreichen soll. Wir hatten uns einen Sitzplatz gesichert und genossen den Blick auf das architektonisch harmonisch gestaltete Stadioninnere. Es gibt hier tatsächlich zwei Anzeigetafeln: Eine normale digitale und die alte, die die Stasianhänger vom BFC damals zerstört hatten. Weiter geht es mit den ikonischen Merkmalen dieses Tempels: An einer Ecke steht ein markanter Turm. Wir fragten uns: "Was ist das denn?". Es ist nicht wie von uns vermutet der alte Sprecherturm. Es ist tatsächlich ein alter Wasserturm, der extra stehen gelassen wurde, um den Industriecharme hervorzuheben.
Über die Historie gäbe es noch sooo viel zu berichten. Aber das würde meinen Rahmen hier sprengen. Nur so viel nochmal zur Verbinding zu Herthe BSC. Natürlich wurde das Eröffnungsspiel am 8. Juli 2009 gegen diese statt. Und die Verbindung wird nochmal intensiviert. Denn das Stadion soll nach der Saison 2026/27 ausgebaut werden. Die Folgesaison wird Union somit in Herthas zuhause, dem Berliner Olympiastadion spielen. Ich hoffe nur, dass der Charme trotzdem erhalten bleibt!
Spiel
Das Spiel bezog seine Bedeutung durch zwei Faktoren: Erstens schloss der Aufsteiger, Union seine erfolgreiche Saison heute mit dem letzten Heimspiel ab. Zweitens haben die Hoffenheimerinnen noch Chancen auf ihre dritte Championsleague-Teilnahme. Dazu müssten sie aber ihre letzten beiden Spiele gewinnen und die Konkurrenz (Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen) noch Federn lassen.
Und so legten die Süddeutschen auch gleich los wie die Feuerwehr. In der dritten Minute tanzt Cerci durch den Union-16er, bedient Janssens und es steht 0:1. Sechs Minuten später lässt Cerci die Unionerinnen ganz alt aussehen, bedient Van Dijk und es steht 0:2. Was geht denn hier heute ab? So führen die Gäste zur Halbzeit hochverdient. In der zweiten Halbzeit spielt dann nur noch die Heimelf. Sie wollen sich nicht mit einer Niederlage von ihren Fans verabschieden und zeigen eine großartige Moral. Sie spielen auch die eine oder andere dicke Chance heraus. Aber irgendwie scheint der Gast doch alles gut im Griff zu haben, ohne noch etwas nach vorne zu tun. Mein Nachbar brachte es auf den Punkt: "Immer is noch 'n Been dazwischen". So blieb es beim verdienten Auswärtssieg!
Stimmung
Erstmal war ich enttäuscht. Ich hatte mich so sehr auf Nina Hagen gefreut. Aber sie schmetterte leider nicht die Union-Hymne "Eisern Union". Die Hymne, die hier seit 1998 zum Heißmachen gesungen wird, kam trotzdem gut. Nina Hagen kam übrigens über ihren Vater, einen glühenden Union-Anhänger, zum Club. Sie wurde quasi mit Union groß.
Die Stimmung war aber ansonsten auch ohne die Punklady überragend. Auf der Gegengerade wurde ein Lied nach dem anderen gesungen. Und es kamen 13.829 Fans (schätzungsweise 10-20 davon aus Hoffenheim) zum Saisonabschluss. Damit waren es insgesamt 106.627 in der Saison: Bundesligarekord! Und die Eisernen-Fans verzagten auch nicht, obwohl keine Bude für ihr Team fallen wollte. Für mich einer der vielen Hammer des heutigen Tages war der Schlachtruf "Alte Försterei, Alte Försterei". Denn wo wird sonst noch das Stadion gefeiert - unglaublich!
Dann wurde es noch zweimal emotional. Das erste Mal als mehrere Spielerinnen und Betreuer verabschiedet wurden. Vor dem Spiel schon offiziell und nach dem Spiel vor der Gegengerade nochmal richtig von den Fans. Besonders emotional wurde es bei der Trainerin, Ailien Poese. Die brachte Union von der Regionalliga in die Bundesliga. Nun wir sie aber von Eta abgelöst werden.
Das zweite Mal wurde es emotional, als Selina Cerci mich sah und an die Seitenlinie flitzte, um ein Selfie mit mir zu bekommen. Schade, dass diese Sahnestürmerin wohl aller Voraussicht nach zu Arsenal London wechseln wird. Von daher sei ihr wenigstens das Selfie noch gegönnt.
Auf dem Rückweg wurde flugs ein Abstecher in eine Sky Kneipe gemacht, wo der Heidenheimer Sieg in Köln bejubelt wurde. Die Siegestore der Unioner Männer zum 1:3 in Mainz hörten wir dann später bis in unser Hotel.
Fazit
Bei aller Euphorie und Begeisterung über vieles hier, gibt es auch einiges, was mir hier gehörig auf den Sack geht. Und zwar ist das die rückwärtsgewandte Intoleranz einiger Fans hier, natürlich nicht aller. Aber bei diesem Präsidenten ist das natürlich auch kein Wunder. Erst machen sie einen auf Corona-Leugner und wollen sich über das Zuschauerverbot hinwegsetzen. Dann nimmt ihr zurückgeblieben Präsident Zingler die Frauenwelt nicht ernst und sagt, dass bei Union nicht gegendert wird. Der damit überforderte Stadionsprecher brach den am Weltfrauentag diese eiserne Regel und nannte Eta eine Fußballgöttin und die Fans Unionerinnen. Hoffentlich schmeißt ihn Zingler nicht dafür raus. Genauso idiotisch äußerte er sich mehrfach zu vegetarischen Bratwürsten im Stadion. "Man werde nicht jeden Wunsch erfüllen" und "Fußball bedeutet bei uns: Bratwurst, Bier, 90 Minuten Fußball". Somit hat nun auch Berlin seinen Söder. Herzlichen Glückwunsch!
Fotos













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