🌿 Ein Weinberg im Stadion 🌿
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- 2. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | Stadion Wilmersdorf | ||
Ort | Berlin | ||
Kapazität | 4.000 | ||
Datum | 01.05.2026 | ||
Spiel (Tabellenplatz vor Spiel) | Tennis Borussia Berlin (12.) - FSV Optik Rathenow (11.) | ||
Ergebnis | 1 : 1 | ||
Zuschauer | 717 | ||
Liga | NOFV-Oberliga Nord | ||
Ebene* | 5 | ||
Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt | 1 / 15 | ||
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein | ||
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 176 | ||
Spiel in 2026 / Gesamt** | 19 / 336 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Heute sollte mein spektakulärster Hopp seit Langem stattfinden. Und das aus vielerlei Hinsicht. Ich bin erstmal für 5 Tage Strohwitwer, da Uschi den Lago Maggiore mit 6 weiteren Frauen auf den Kopf stellt. Ich treffe mich mit lieben Ex-Kollegen in Magdeburg zum geselligen Abend mit Umtrunk. Natürlich war ich dabei, als das Café Amsterdam zuschloss. Beide Veranstaltungen sind nicht ohne ... Nachdem mein Alkoholpegel am nächsten Morgen langsam gen 1,0 steuerte, machte ich mich bereit für die Zugfahrt nach Berlin. Ziel der Reise sollte das legendäre Mommsenstadion sein. Der erste Schock des Tages folgte sogleich. Bereits am Magdeburger Bahnsteig ahnte ich, was kurz darauf bittere Wahrheit werden sollte. Der Zug war knattervoll. Durchschnittsalter: 19. Immerhin erkämpfte ich mir mit all meiner Routine gerade noch so einen Sitzplatz. Und sogleich stimmten die Kiddies "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" an. Es sollte herrlich entspannt werden. Gegen 13:00 Uhr Ankunft Berlin-Charlottenburg, Hotel beziehen und den Alkoholpegel mit einigen Tassen Kaffee weiter nach unten treiben. Der Anpfiff im alten Mommse war ja erst 19:00 Uhr. Dann der zweite Schock des Tages: Ein letzter Blick auf Fußball.de und mir wurde ganz anders: Tennis Borussia Berlin - FSV Optik Rathenow, 14:00 Uhr, Stadion Wilmersdorf! Nicht im Mommsenstadion? Nicht erst um 19 Uhr? In Windeseile hieß es nun: Taxi ordern und Hotel stornieren, bevor es was kostet, denn nun kann ich ja heute noch zurück nach Braunschweig fahren. Aber traurig war ich schon, ich hatte mich so auf diesen Ground gefreut. Ich erfuhr dann, dass das Spiel kurzfristig verlegt werden musste, da die Stadt Berlin zu blöd war, ein neues Rasen zu verlegen. Seit Wochen und Monaten muss TeBe deshalb ausweichen. Und auch dieses Mal wurde kurzfristig entschieden: Spielbetrieb immer noch nicht möglich. TeBe kotzt im Strahl. Im wichtigen Abstiegskampf werden sie von Stadion zu Stadion geschickt.
Da komme ich doch gleich zu den Lila-Weißen. Ich verbinde mit diesem Traditionsclub unweigerlich, Nobby Stolzenburg, das Kopfballungeheuer alias Hotte Hrubesch. In den 70ern, als TeBe sogar mal ein Jahr in der Bundesliga war, traf er wie er wollte und spielte auch mal kurz bei Eintracht. Und warum heißt der Verein so komisch? Weil er 1902 aus der "Kameradschaflichen Vereinigung Borussia" und der "Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft" gegründet wurde.
Der Gegner kommt aus dem Brandenburgischen. Rathenow liegt ungefähr 90 Kilometer westlich von Berlin. Auch hier ist der Vereinsname komisch, oder? Optik heißt der Club, weil sich in dem Ort schon seit sage und schreibe 1801 alles um die Optik dreht. Pfarrer Johann Heinrich August Duncker entwickelte da nämlich eine Brillenglas Schleifmaschine und los ging es. Und noch heute werden hier Brillengläser produziert, allerdings nun für Fielmann.
Ground
Ich hatte keine Ahnung, was mich mit dem Stadion Wilmersdorf erwartet. Meine übliche Vorbereitung fiel ja aus. Erstmal kurze Verwirrung bei mir, denn das Stadion liegt nicht in Wilmersdorf, sondern in Schmargendorf (noch nie gehört). Aber es war früher in Wilmersdorf und deshalb der Name. Selbst die Einwohner dort, wissen manchmal nicht, ob sie gerade in Wilmersdorf, Schmargendorf oder Grunewald sind. Touristisch ist hier nicht viel los. Aber ein Highlight gibt es hier doch, neben dem Ground natürlich: Die kleinste Kirche Berlins. Sie hat mit 66 Quadratmetern, die 2-Zimmer-Wohnungsgröße. Und früher mussten die Leute stehen oder knien, weil es so eng ist.
Auf dem Weg von der Straße aus kommst du erstmal am Stadtbad, einem Sommerbad, einer Eissporthalle und Kunstrasenplätzen vorbei. Es gibt noch mehrere weitere Sporthallen auf dem riesigen Gelände. Das neue Stadion wurde 1951 eingeweiht, nachdem Tonnen von Trümmerschutt dahin geschüttet wurden. So ist das Stadion auch an drei Seiten von (Schutt)Wällen umgeben. Es fasste vor dem Krieg wahnsinnige 50.000 Zuschauer. Danach immerhin noch 19.500. Das war immer noch viel zu groß. Und einige Seiten wurden nochmals zurückgebaut. Heute finden noch 4.000 Leute Platz. Und das reicht dicke für den siebtklassigen Fußball, der hier sonst stattfindet. Kommen wir zum absoluten Höhepunkt des Stadions: An einer abgetragenen Seite wurde tatsächlich ein Weinberg angelegt - kein Witz! 1984 wurden Reben aus dem Rheingau gepflanzt. Und seitdem werden jährlich rund 250 kg Trauben gelesen und zu Wein verarbeitet. Zu offiziellen Anlässen wird der dann weggeballert. Während in der Mommse noch nicht mal Rasen wächst, gedeiht hier sogar Wein. Aus meiner Enttäuschung wurde langsam Freude. Auch sonst macht das Stadion viel her. Total unorthodox wechseln sich hier die Elemente am Rand ab. So hocken sogar ein paar Leute auf von Unkraut überwucherten Stufen und so weiter. Auch die Tribüne mit einem gezackten Holzdach und grünen Holzbänken hat was Charmantes. Nur das Catering war für die große Zuschauerzahl nicht geeignet. 60 - 80 Personen warteten in der einzigen Schlange auf den erfrischenden, kühlen Getränken. Besser war's am Wurststand, wo es zu meiner Freude sogar vegane Bratwürste gab. Fazit zum Ground: Den muss jeder Hopper mal selbst gesehen habe. Deshalb waren wohl auch heute rund 160 Groundhopper hier. Klare Empfehlung!
Spiel
Abstiegsgipfel in der NOFV-Oberliga Nord. Beide Teams stehen ganz knapp vor den Abstiegsrängen. Optik mit 2 Punkten Vorsprung und TeBe sogar nur wegen des Torverhältnisses. Das schien die Teams zu lähmen. Edas Spiel mwar ziemlich unansehnlich und es gab kaum Torchancen. In der zweiten Halbzeit wurde es ein klein wenig besser. Und wenigstens konnte mein erstes torloses Spiel im Jahr 2026 verhindert werden: 0:1 57. Minute und 1:1 in der 60. Minute. Das war dann auch ein gerechtes Ergebnis. Einen Sieg hat heute keiner verdient. Übrigens steht mit Yannik Bangsow ein langjähriger Keeper der Braunschweiger Eintracht zwischen den Pfosten von TeBe.
Stimmung
Stadion super. Wetter herrlich. Und die Stimmung? Richtig klasse! 717 Zuschauer, davon ca. 60 aus Rathenow bildeten einen würdigen Rahmen für dieses Spiel. Glaubt man den 11-Freunden ist die Fanszene von TeBe eine ganz besondere: Sie nehmen sich gerne mal selbst auf die Schippe und haben sich bereits gegen Homophobie stark gemacht, als das noch nicht üblich war. Dass die Fans hier eher der linken Szene angehören, merkst du schnell selbst im Stadion. Alles wirkt familiär und friedlich. Trikots, Schals und etliche Fahnen ließen die Tribüne in Lila-Weiß erstrahlen. Und auch die Gesänge waren spitze, wie das einfache "Lila Weiße, lila Weiße" oder auch "Come on, TeBe". Und als ein Spieler der Gäste einen Freistoß versemmelte schallte es "Du kannst zu Hertha gehen". Außer dieser ironischen Spitze gab es aber keine Schmähgesänge und kein Gepöbele gegen die Gäste, wie es leider heute in vielen Stadien üblich ist. Auch die 60 mitgereisten Fielmänner machten etwas Stimmung, zumindest vor dem Spiel. Absolute Wohlfühlatmosphäre also. Wenn Berlin nun noch das Gras zum Wachsen bringt, will ich unbedingt noch mal zu den Lila-Weißen ins Mommsenstadion.
Fazit
Ich berichtete bereits über meine zwei Schocks. Dann kam aber sogar noch der dritte und größte Schock des Tages: Der Stadionsprecher teilte mit, dass der Schiedsrichter das Spiel nicht anpfeifen wird. Der Grund: Der Rasen war ein sauber gekreideter American-Football-Ground. Fußballlinien waren nur zu erraten oder gar nicht vorhanden. Daraufhin entstand eine Unruhe unter den Zuschauern. Es wurden Offizielle, Balljungen und andere Freiwillige mit Wassereimern und Schrubbern ausgestattet, um die Linien zu entfernen. Wer keinen Schrubber mehr bekam, nahm einfach seine Füße und rubbelte wie verrückt herum. Ich drehte bald durch, sollte ich den ganzen Aufwand etwa für Nichts betrieben haben? Nach 15 Minuten des Bangen und des Hoffens gab der Schiri endlich "Grünes Licht". Eigentlich Hardcore, denn so waren immer noch keine Seitenlinien am 16er zu erkennen. Der Schiri musste hier heute also nach Gefühl entscheiden. Man muss sich echt fragen, ob die Leute vom Sportamt hier alle Latten am Zaun habe. Wir sind hier in Berlin, der Bundeshauptstadt!
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