Sambuca Müller oder Molinari?

Aktualisiert: 9. Okt.
Fakten
Spiel in 2025 / Gesamt** | 50 / 367 |
Stadion | Campo Calcio Righi |
Ort | Bozen / Italien |
Kapazität | 2.000 |
Datum | 04.10.2027 |
Spiel | AC Virtus Bolzano (11.) - FC Calvi Noale (17.) |
Ergebnis | 1 : 3 |
Zuschauer | 190 |
Liga | Serie D Girone C |
Ebene* | 4 |
Liga (vollständig) | 1 von 18 |
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein |
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 196 |
Land alt / Anzahl Grounds | ja / 5 |
Land neu / Anzahl Länderpunkte | nein |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Nach dem Spiel am letzten Wochenende in Rovereto in der 5. Liga fanden wir dieses Wochenende ein Spiel der 4. Liga (Serie D) in Bozen. Hier, in der südtiroler Landeshauptstadt, verbrachten wir unsere letzten 4 Urlaubstage. In dieser urgemütlichen Stadt der Dolomiten wimmelt es nur so von deutsch(sprachigen) Touris. Im Gegensatz zu Pizza und Pasta vorher am Gardasee mappeln sie hier eher etwas Deftiges. Nationalspeisen sind Knödel der Dreifaltigkeit in rot/weiß/grün und der deftig geräucherte Südtiroler Speck. Der wird hier insbesondere am berühmten Bozener Obstmarkt feilgeboten und du riechst ihn schon aus etwa 15 Metern Entfernung. Am bekanntesten ist Bozen aber wohl für seine berühmt-berüchtigte Autostrada, die Brennerautobahn mit Brennerpass. Jahr für Jahr verfluchen Zigtausende hier die kilometerlangen Staus. Als wir ankamen,, tranken wir einen Cappu auf dem zentralen Platz, dem Walther-Platz, mit Blick auf das Denkmal von Walther von der Vogelweide. Wisst ihr, wann der hier gelebt hat? Antwort: nie! Er hat null Komma null mit Bozen zu tun. Hä? Die Aufklärung ist skurril. Um Südtirol stritten und kämpften jahrhundertelang Ösis mit Italienern. Südtirol gehört bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zu Italien. Nicht nur das Essen, auch die hiesige Mentalität war eher deutsch. 1889 schuf man dieses Denkmal mit der urdeutschen Symbolfigur, dem deutschen Minnesänger. Einfach nur,, um die Italiener zu provozieren. Er blickte gen Süden nach Italien, was bedeuten sollte: Hier bin ich und bis hier ist es deutsch. Unter Mussolini riss man das Teil dann ab. Und 1981 stellte man es wieder hin.
Der Verein AC Virtus Bolzano hat auch eine turbulente Historie. Er wurde etliche Male umbenannt. Es wurde fusioniert und und und. Nur erfolgreich war man nie. In dieses Vakuum stieß der FC Südtirol. Quasi das Red Bull Leipzig von Tirol. Mit ordentlich Unternehmerkohle nutzte man das aus wie in Leipzig (FC Sachsen und Lok lassen grüßen) und und hievte den ehemals Brixener Verein in die Serie B. Die Feindschaft ist hier nicht so stark wie in Leipzig,, aber gerne haben sie sich hier auch nicht. Zumindest hat auch der AC Virtus das Ziel genannt, wieder die Nummer 1 in Bozen zu werden. Scheint aber ein ähnlich langer Weg wie in Leipzig zu werden.
Die Liga ist etwas Besonderes: 16 der 18 Vereine stammen aus der Region Venedig. Einer dieser vielen ist der heutige Konkurrent aus Noale (25 Kilometer vor Venedig). Die Kleinstadt hat internationale Beachtung durch seine Motorräder gewonnen. Denn Aprilia produziert hier. Immerhin fahren 30.000 Aprilias auch auf deutschen Pisten (waren sogar mal doppelt so viele).
Der FC Calvi Noale ist weniger erfolgreich und wurde vor der Saison als Abstiegskandidat Nummer 1 gehandelt. Witzig ist der Namensursprung von "Calvi". Denn bevor der Verein 1925 gegründet wurde, kickten begeisterte Kinder auf dem Hauptplatz von Noale namens Piazza Calvi. Es ist überliefert, dass der Brunnen auf dem Platz nicht nur der Getränkeversorgung der Jugendlichen, sondern auch der Kühlung der Schürfwunden diente.
Ground
Nun ja, den besten Ground von Bozen haben sie nicht bekommen. Den bekam zum Unwillen der Bozener der FC Südtirol. Sie wollten es verhindern,, aber es war vergeblich. Der AC ist inzwischen auch stadtnah auf dem Campo Calcio Righi beheimatet. Es ist ein stattlicher Sportkomplex mit vielfältigem Angebot. Als wir ankamen,, tummelten sich hier zum Beispiel Faustballer und Kleinfeldfußballer. Als wir den Platz erspähten, wunderten wir uns etwas. Es ist nämlich ein Kunstrasenplatz. Ich weiß gar nicht, ob das in der Regionalliga erlaubt ist. Wir besuchten erstmal das Vereinslokal, die "Bar Righi" bzw. das "Cafe Molinari". Von der kleinen,, etwas erhöhten Terrasse kannst du auch das Spiel schauen. Wir wackelten aber zur Tribüne. Diese besteht aus 5 Steinreihen ohne Sitzplätze, aber dafür mit gesunder Härte für die Arschbacken. An den anderen Seiten ist nichts. Und das muss hier genauso sein. Denn der Star der Anlage ist hier der grandiose Blick auf die Dolomiten. Und der Superstar liegt frontal zur Tribüne mit der Gebirgskette "Rosengartenmassiv". Und die hat immerhin so ziemlich genau das Höhenniveau der Zugspitze. Ansonsten haben sie hier ein nagelneues Flutlicht und eine kleine Anzeigetafel, die ihren Geist in der Pause aufgegeben hat.
Spiel
Favorit war die Heimelf, die einen Bombenstart hingelegt hat und zu Hause noch ungeschlagen ist.
Die erste Hälfte war ausgeglichen. Beide Teams zeigten ansehnlichen Fußball, ohne zu begeistern. Das Spiel war eher körperlos. Und ein Tor nach schöner Ballstafette fiel dann auch noch in der 38. Minute. Ihr Kapitän und bester Mann, Arnaldo Kaptina, glich in der 69. Minute aus. Und dann ging den Bozenern die Luft aus. Durch einen venezianischen Doppelschlag (78./81.) sackte der Abstiegskandidat drei wichtige Zähler im Abstiegskampf ein.
Stimmung
Es gibt keine Fanszene bei Virtus. Und es kamen nur 190 Zuschauer bei herrlichstem Wetter und trotz des guten Saisonstarts. Der AC lockt hier kaum jemanden hinterm Ofen hervor. Schade. Aber so wird das nichts mit der Nummer 1 in Bozen. Auch Fahnen, Tröten und so: Fehlanzeige. Alle saßen gesittet auf den Steinbänken und applaudierten nur hin und wieder sehr verhalten. Stimmungstechnischer Höhepunkt war ein von 3 Typen geschmettertes "Bolzano, Bolzano" nach dem Tor der Heimelf. Eine Handvoll Gästefans machten es auch nicht besser. Die Ultras mit Stimmungspotenzial sammeln sich überraschenderweise inzwischen beim FC Südtirol. Naja zwar Neureiche und Zugezogene aber eben auch zwei Ligen höher.
Fazit
Ich bin hier etwas in die Geschichte von Südtirol eingetaucht. Das ist hier wirklich eine sehr spannende Gegend voller trauriger Schicksale. So erfuhr ich, dass statt der 90 % deutschsprachigen in 1925 bis heute nur noch 15 % geblieben sind. Das lag hauptsächlich an Mussolinis Italianisierung Bozens. Mit dem üblichen faschistischen Handwerkszeug war er sehr erfolgreich. Gewaltsam unterdrückte er alles deutsche Gedankengut. Ein erfolgreicher Schachzug war auch die Ansiedlung von Kriegsindustrie und die damit verbundene Übersiedlung von Italienern hierhin. Die Spannungen waren dann fast unerträglich. Das härteste Mittel war dann das Sprach- und Kulturverbot, was Mussolinis Schärgen gnadenlos durchsetzten. Wer sich damit nicht abfinden wollte, der musste seine Heimat verlassen und nach Deutschland umsiedeln. Das hatte Mussolini mit Hitler ausgehandelt. Drei Monate hatten sie Zeit, sich zu entscheiden. 86 % entschieden sich fürs Auswandern ins Nazi-Deutschland. Es wurden damals auch tausende Ortsnamen italianisiert (Bozen – Bolzano etc.). Aber für Vor- und Nachnamen wurde ein Übersetzungskatalog erstellt. Sogar "Johann Sebastian Bach" musste dann "Giovanni Sebastiano Bach" genannt werden. Vollkommen irre. Aus Vereinsnamen mit "Fußball" wurden welche mit "Calcio" und selbst aus "Müller" wurde "Sambuca". Sambuca ist eine inzwischen veraltete Form des Müllerberufes. Sonst würde der berühmte "Sambuca Molinari" heute wohl „Müller Sambuca“ heißen.
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