Mit Volldampf in die Regionalliga
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- 4. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Dez. 2025
Fakten
Stadion | Sportanlage Mittlerer Landweg |
Ort | Hamburg |
Kapazität | 1.000 |
Datum | 03.12.2025 |
Spiel | ETSV Hamburg (2.) - SV Halstenbek/Rellingen (17.) |
Ergebnis | 6 : 0 |
Zuschauer | 79 |
Liga | Oberliga Hamburg |
Ebene* | 5 |
Liga (vollständig) | 2 von 18 |
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein |
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 162 |
Spiel in 2025 / Gesamt** | 70 / 314 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Heute ging es wieder in die wunderschöne Stadt Hamburg zum Hoppen. Und das auch noch zur Vorweihnachtszeit. Richtig große Auswahl an Spielen hatte ich nicht aber ein Kick und ein neuer Ground reichen ja auch. Um des Rentners Geldbeutel zu schonen, entschied ich mich für die Variante Braunschweig - Hamburg - Braunschweig hin und zurück mit der Bahn und das möglichst mit dem D-Ticket an einem Tag. Und damit es sich gleich noch mehr lohnt, fuhr ich morgens so los, damit ich noch etwas Sightseeing machen konnte. Kurz noch ein paar Hamburger gefragt, ob sie mitmachen wollen. Aber es blieb bei einer One-Man-Show. Ich bin ein großer Weihnachtsmarktfan. Und da kam ich in Hamburg natürlich voll auf meine Kosten. Erst die Spittaler Strasse entlang, dann zum Weißen Zauber an den Jungfernstieg und zum Abschluss auf den Rathausplatz. Herrlich. Und der Höhepunkt dort war die erste gute, nein sogar sehr gute vegane Currywurst meiner kurzen Vegetarierlaufbahn. Der Grillmeister sagte mir, dass sie seit Jahren daran herumexperimentieren und nun endlich dieses Jahr mit der Wurst zufrieden sind! Mein Höhepunkt des Tages!
Der Eisenbahner Turn- und Sportverein Hamburg (ETSV Hamburg) hat mir vor dem Besuch nichts gesagt. Ich erfuhr bei meiner Recherche dann, dass es ein sehr spannender Club ist. 1924 gegründet fand er seine erste Heimat in der Nähe des Güterbahnhofes Billwerder-Moorfleet. Irgendwann zog es ihn dann zum Bahnhof Mittlerer Landweg in den Stadtteil Billwerder. Billwerder ist eine 4 Tsd. Seelengemeinde im äußersten Südosten Hamburgs. Durch die Nähe des ländlichen Vier- und Marschlandes ist auch Billwerder sehr landwirtschaftlich geprägt. Es hat aber auch einen leichten Industrietouch durch die Nähe zum Hamburger Hafens. Der Ausländeranteil hier ist mit 56% sehr hoch. Dagegen das Durchschnittseinkommen mit gerade mal 66% des Hamburgers sehr niedrig. Deshalb ist es besonders erwähnens- und lobenswert, dass der ETSV sehr aktiv am Programm "Integration durch Sport" teilnimmt. Ihr Ziel ist es, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund am gesellschaftlichen Leben zu fördern!
Die Gäste kommen vom anderen Ende Hamburgs, aus dem Westen der Stadt. Dort in der Nähe haben meine Kumpels DRW und Barki und auch ich in jungen Jahren unser Unwesen getrieben. Der Verein SV Halstenbek/Rellingen ist ein reiner Fußball- und Tennisverein. Sage und schreibe 900 Fußballer kicken dort in 37 Mannschaften. Und auch über 400 Tennisspieler sind nicht zu verachten. Nur leider entwickelt sich die gesamte Gegend fußballerisch steil nach unten ins Nirwana. Früher prägten hier der VfL Pinneberg, Rasensport Elmshorn oder auch der TSV Uetersen und der Wedeler TSV den gehobenen Amateurfußball. Alle sind sie dort verschwunden. Es gibt hier nur noch den letzten Mohikaner, den SV Halstenbek/Rellingen. Und der droht es seinen Nachbarn gleich zu machen. Er schwebt nämlich in akuter Abstiegsgefahr. Sollte das so kommen, wäre das ein sportliches Elend für diese Gegend.
Ground
Der neue Ground des ETSV liegt im Nichts. Aber er ist mit der S2 gut zu erreichen. Auf der Anlage wird der Eisenbahnkult gepflegt. Mehrere Symbole untermalen das schön. Und wenn du das Vereinsheim betritts und Spieltag ist, erscheinen die Gegner auf den Fußboden projiziert. Das ist eine feine, wie stimmungsvolle Einstimmung. Dann siehst du auch schon einen Fernseher, auf dem ein vergangenes Spiel des ETSV läuft. Damit das zweite Highlight hier. Die Bude ist recht klein aber strahlt große Wärme aus. Trotz der Enge ist noch Platz für einen Weihnachtsbaum. Und die freundliche Bedienung bewahrt in dem rappelvollen Raum die Ruhe und reicht Würste, Pils und Glühwein in größeren Mengen an die Fans.
Der Platz selbst ist eher öde. Es ist ein eingezäunter 08/15-Kunstrasenplatz ohne Flair. Davor sind ein paar Fitnessgeräte, die zu meinem größten Erstaunen, bei der Arschkälte und Dunkelheit von ein paar Kerlen genutzt wurden. Immerhin gibt es auch eine Anzeigetafel und eine Tribüne. Ja, tatsächlich, dreireihig mit 24 Sitzschalen und echt niedlich.
Spiel
Ich befürchtete Einseitigkeit, da der zweite gegen den Vorletzten spielte. Und ich wurde nicht enttäuscht. Bis auf die ersten 25 Minuten, denn da spielte der Gast überraschenderweise ziemlich gut mit. Sogar einige sehr ansprechende Angriffe gelangen ihm. Ich war erstaunt, dass der SVHR in der Tabelle so schlecht dastand. Sollte es etwa eine Sensation geben? Dann fiel in der 26. Minute durch ein schönes Freistoßtor das 1:0. Und ab dem Zeitpunkt war es ein neues Spiel. Es spielte fast nur noch der ETSV. Zur Pause stand es 2:0. So ging es in der zweiten Halbzeit auch weiter. Mit Glück und Geschick hielten die Gäste das Ergebnis bis zur 77. Minute. Ab da zerbrachen sie leider vollends. Und es fielen noch 4 Tore in den letzten 13 Minuten zum hochverdienten 6:0. Es ist aber auch schon allein ein Klassenunterschied zu erkennen, wenn sich in der zweiten Halbzeit acht Eisenbahner aber nur ein Halstenbeker warm machen. Das ist eigentlich der Oberliga nicht würdig. Und so war es kein Wunder, dass die Gäste auch konditionell überfordert waren. Und das ist bei 900 Fußballern im Verein eigentlich nicht nachvollziehbar.
Stimmung
Zu Beginn. meines Besuches erlebte ich etwas extrem Seltenes. Ich suchte vergeblich die Kassierer. Und es kam auch später niemand mit Geldbeutel zum Kassieren. Unglaublich, hier gibt es sechtsklassigen Fußball für umme. Und nicht nur das, es spielt der Tabellenzweite, der bei einem Sieg die Spitze übernehmen kann. Und was passiert in Billwerder? Es kommen klägliche 79 Zuschauer. So viel wie bei einem durchschnittlichen Bezirksligaspiel. Die Zuschauer gaben vorab ihre Prognosen kund. In der Regel 7:1 und 6:0, was ja nicht so übel war. Die Unterstützung war außergewöhnlich. Hinterm Tor stand ein Trommler mit ein paar Kumpels und einem Plakat. Sie supporteten in bester Manier 90 Minuten lang. Hut ab, Jungs. Ich hoffe, dass der Club solche Leute entsprechend hofiert. Denn wenn sie hier etwas aufbauen wollen, werden diese Typen gebraucht. Einmal initiierten sie sogar einen Wechselgesang mit der Geraden. Hauptschlachtruf war "Eisenbahaan". Neben mir fiel ein Typ auf, der 3- oder 4-mal nur ein Wort aber das in beeindruckender Klarheit und Lautstärke schmetterte. Es hieß schlicht und einfach "Eisen".
Fazit
Das ganze Projekt des Hauptsponsoren, Thomas Kropmanns (Aluminium), ist beeindruckend. 2010-2013 noch in der Kreisliga, danach lange Bezirksliga. Bis dann Kropmanns das Ziel Regionalliga aus gab. Und zwar bei gleichzeitiger Förderung des sozialen Zieles der Migration. Hut ab erstmal für diese Visionen. Er scheint ein wahrer Unternehmergeist zu sein. Nach dem es erst nicht klappen wollte, stieg man endlich 2021/22 in die Landesliga auf. Und man blieb auf dem Überholgleis. 2022/23 erfolgte der Durchmarsch in die Oberliga Hamburg. Kurzerhand wechselte man fast die komplette Aufstiegsstruppe. Hier wird an der Realisierung der Vision gearbeitet und dabei stünde sentimentale Dankbarkeit im Weg. Im zweiten Oberligajahr sind sie seit dem Sieg gestern Spitzenreiter, mit besten Chancen auf den nächsten Aufstieg in die Regionalliga Nord. Was für eine Erfolgsstory! Ich werde ihren Weg mit großem Interesse weiterverfolgen.
Der Sprung in die Regionalliga wäre der größte Coup bisher. Es sind daran schon andere ambitionierte Hamburger Vereine, wie Teutonia gescheitert. Das gleiche droht nun gerade Altona 93. Ob das beim ETSV gut ginge, wage ich zu bezweifeln, wenn ich die Rahmenbedingungen sehe. Ich freue mich aber schon darauf, wenn der SV Meppen mit riesiger Fanschar anrückt und der martialische Schrei "Eisen" diese in Ehrfurcht erstarren lasst!
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