Es war einmal „Die Hölle des Nordens"
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- 1. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Dez. 2025
Fakten
Stadion | Marschwegstadion |
Ort | Oldenburg |
Kapazität | 9.886 |
Datum | 28.11.2025 |
Spiel | VfB Oldenburg (3.) - SV Meppen (1.) |
Ergebnis | 0 : 2 |
Zuschauer | 9.886 |
Liga | Regionalliga Nord |
Ebene* | 4 |
Liga (vollständig) | 7 von 17 |
Ground - alt / Anzahl Besuche | nein |
Ground - neu / Anzahl Grounds | ja / 161 |
Spiel in 2025 / Gesamt** | 69 / 313 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Es musste endlich mal wieder ein schöner Ausflug her. Nachdem ich die letzten Wochen in meinem Heimatumfeld Braunschweig unterwegs war. Und mein geschärftes Hopperauge sah es schnell: Oldenburg gegen Meppen. Derby, Spitzenspiel und Flutlicht! Herz, was willst du mehr?
Und ich war noch nie in Oldenburg. Aber ich habe schon oft gehört, wie schön es da sein soll. Das muss endlich verifiziert werden. Es soll solch eine wunderbare Atmosphäre dort sein. Jung, links, fortschrittlich. Das konnte ich natürlich in so kurzer Zeit leider nicht erleben. Aber dafür etwas weiteres Herausragendes der Stadt: Die Fußgängerzone. Als Eintracht Braunschweig 1967 Deutscher Meister wurde, machte Oldenburg die komplette historische Altstadt zur Fußgängerzone. Das war einzigartig in Deutschland. Denn in anderen Großstädten war man zu dieser Zeit noch stolz darauf, wenigstens die eine oder andere Straße autofrei gemacht zu haben. Funfact: Auch die erste deutsche Postkarte stammt aus Oldenburg. Am 16. Juli 1870 schickte der Oldenburger Buchhändler August Schwarz eine mit einem Bildchen bedruckte Karte an seine Schwiegereltern in Magdeburg.
Der Verein VfB entstand durch Fusion eines Realschülervereines und eines Lehrerclubs 1919. Die ersten Jahre wurde noch auf einem Exerzierplatz gebolzt. In der Neuzeit prägte der "Dicke Klaus" des Schlager-Duos "Klaus und Klaus" den Verein am stärksten. 1996/97 spielte der VfB sogar mal ein Jahr in der 2. Bundesliga.
Die Stadt des Kontrahenten Meppen hat etwas weniger zu bieten. die Militaristen unter uns, also hoffentlich ziemlich wenige wohl, werden aber wissen, dass der alte Krupp 1877 den "Kruppschen Schießplatz" baute. Noch heute ist das der größte europaweit. Sie haben in Meppen das weibliche Pendant zum "Dicken Klaus", nämlich die "Dicke Bertha", eine Kanone, mit der hier auf dem Übungsplatz lange rumgeballert wurde. Ob der SV Meppen dort wohl sein Schusstraining absolviert? Wir werden es heute sehen.
Fußballtechnisch ist der SVM aber den Oldenburgern weit voraus. Aber erstmal ging Garnichts dort. Bis weit nach dem 2. Weltkrieg galt Meppen als fußballerisches Niemandsland. Es herrschte klar der VfL Osnabrück! Aber später absolvierten die Emsländer stolze 404 2-Ligaspiele. Berühmt wurde der Verein aber erst durch Mario Basler, der mal sagte: "Ich habe keine Lust jedes Jahr gegen Vereine wie Meppen zu spielen". Das fanden die so gut, dass nicht nur jeder Meppener den Spruch heute noch kennt, sondern der sogar auf T-Shirts gedruckt wurde. Dieser Humor gefällt mir!
Ground
Die Grounds des VfB haben eine sehr bewegte Geschichte. Und sie wird noch weiter gehen. Ich erwähnte bereits, dass zuerst auf einem Exerzierplatz gespielt wurde. 1920 erwarb der Verein das Gelände von der Klosterbrauerei und begann das bei den Gegnern so gefürchtete, und bei den Fans so heiß geliebte Stadion Donnerschwee zu bauen. Bis 1991 spielte der Verein dort, in der "Hölle des Nordens". Zum großen Leidwesen der Fans musste der überschuldete Verein, das Gelände an eine Investorengruppe verticken. Und man spielt seitdem im Marschwegstadion. Mit diesem Ground sind die Fans nie so richtig ins Reine gekommen. Seit mehreren Jahrzehnten wird für viel Kohle daran gearbeitet das Stadion drittligatauglich zu machen. Als der Verein kurz in der dritten Liga war, musste sogar nach Peine-West ausgewichen werden, wenn das Spiel abends (kein ausreichendes Flutlicht) oder bei Frost (keine Rasenheizung) stattfand. Es gibt sogar Literatur mit dem Titel "Das ungeliebte Stadion" darüber. Nun soll Teil IV der Reihe "Grounds des VfB Oldenburg" kommen. Es wurde beschlossen, ein neues Stadion zu bauen (ab 2026?). Allerdings gibt es noch massive Proteste und Bürgerbegehren dazu. Warten wir ab, wie es weiter geht.
Bevor ich mit dem Bus vom Hotel zum Marschwegstadion fuhr, musste ich unbedingt die schöne Altstadt mit dem stimmungsvollen Weihnachtsmarkt erleben. Wunderbar, Oldenburg wird mich wiedersehen!
Der Ground selbst hat mir so mittelprächtig gefallen. Er liegt direkt an der Autobahn und wenn es leise ist, hörst du den Verkehr rauschen. Ein schöner Blickfang ist das geschwungene Tribünendach. Hat für mich etwas von einem Spannbettlaken. Links hinterm Tor ist nichts. Und gegenüber und rechts sind schlichte Stehplätze. Die Laufbahn drum rum macht es auch nicht unbedingt besser. Aber etwas Bombastisches hat das ungeliebte Stadion doch: Den Bratwurststand. Ich habe allerdings die knusprigen Pommes gemappelt. Aber ich beobachtete dabei die vier Damen am Stand. Ein Traum, wenn ich das mit der Lahmarschigkeit vom Eintracht-Catering in Braunschweig vergleiche. Die Damen waren so einspielt und effizient, dass die Riemen in rasender Geschwindigkeit über den Tresen gingen. Und es waren bestimmt immer 30-40 Stück fertig zum Verkauf. Und das Ganze machten die Vier noch mit Charme und Freundlichkeit. Riesenkompliment, meine Damen!
Spiel
Von Minute eins an, ging es richtig zur Sache. Genauso, wie du dir das in einem Derby auch wünschst. Und wie so oft bei solchen Derbies: Das Spielerische ließ ziemlich zu wünschen übrig. Schnell ging der Gast mit einem abgefälschten Weitschuss in Führung. Torchancen blieben in der ersten Halbzeit Mangelware. Aber Meppen wirkte deutlich abgeklärter und ballsicherer. Nach der Pause übernahm der VfB Oldenburg das Zepter und hatte bestimmt 75% Ballanteil. Aber es war nur brotlose Kunst. In Strafraumnähe wurde alles verdaddelt. Aber man muss auch sagen, dass der SV Meppen alles super gut verteidigte. Mit der tatsächlich ersten Torchance der zweiten Halbzeit macht Meppen den Deckel drauf. Kurz danach brannte einem Oldenburger die Sicherung durch und er streckte seinen Gegner brutal nieder. Natürlich Rot! Meppen hatte danach sogar noch zwei Hundertprozentige gegen demoralisierte Gastgeber. Aber sie vergaben beide Chancen kläglich.
Es war also ein hochverdienter Auswärtssieg.
Die Heimspieler wählten danach folgende Worte für das Spiel: "Bumstor", "Kackspiel" und "Scheiße am Schuh"!
Stimmung
Derby - ausverkaufte Hütte - Flutlicht - Freitagabend - Zuschauerrekord Regionalliga Nord - und Cookie ist dabei!
Knapp 10.000 Zuschauer freuten sich auf dieses Hammerspiel. Davon kamen circa 1.500 aus Meppen.
Sowas wird in Friesland mit "Tau! Nu aff up't felt" eingeleitet ("Anpfiff! Jetzt ab au'n Platz"). Ähnlich, nur nicht plattdeutsch, waren die Worte des Stadionsprechers mit "Lasst das Stadiondach abheben", Reißt die Hütte ab" und "Forza VfB".
Zum Einlaufen gab es erstmal nur "Meppen-Schweine" bevor dann 12 Minuten aus Protest gegen die geplanten Innenministerbeschlüsse nächste Woche geschwiegen wurde. Danach war die Stimmung gut aber in dem weiten offenen Rund brannte die Luft nun nicht gerade. Mehr war auch mit den jeweiligen eher kleinen Fangruppen nicht möglich. Die Gästefans waren da noch leicht in der Überzahl und auch etwas lauter.
Um mich herum gab es auch vielleicht 20-30 Meppener, die zunehmend lauter wurden und sogar ein paar Gesänge anzettelten. Und direkt hinter mir saßen drei holländische Groundhopper. Jungspunde, die von einem Derby gelesen haben und ordentlich deutsches Bier inhalierten. Was ich in dieser krassen Form fast noch nie erlebt habe, ist, dass laufend irgendwelche Vögel zum Bier- oder Wurstholen durch die Linse latschten. Wahrscheinlich wurden viele angelockt, die eigentlich gar nicht sonderlich am Spiel interessiert waren. Schön anzusehen und -hören war danach die gemeinsame Party von Spielern und Fans mit "Derbysieg, Derbysieg, hey, hey" und so weiter.
Fazit
Ich will nochmal auf die Proteste und die 12 Minuten Fanschweigen eingehen. Es geht ja ein tiefer Graben durch die Fangemeinde beim Thema Sicherheit und mögliche Maßnahmen.
Ich habe dazu eine klare Haltung, und zwar folgende:
Pyro gefährdet die Gesundheit der Zuschauer, wie jeder weiß. Stichworte dazu sind:
Feinstaub
Schwermetalle
andere chemische Substanzen
Deshalb ist Pyro zu Recht verboten. Viele pubertierende Ultras, die bei Mutti zu Hause wohl zu sehr unterdrückt werden, rebellieren und zündeln weiter. Oder seltener aber noch schlimmer, werfen sogar Böller oder schießen mit Leuchtraketen.
Daher meine Meinung: Weiter Verbote und wenn nicht anders möglich schärfere Maßnahmen zur Gesundheitssicherung der friedliebenden Zuschauer.
Beim Derby prallten diesbezüglich zwei Welten aufeinander: Die Oldenburger feuerten bestimmt 6–8-mal mehrere Pyros ab. Das kostet den Verein wieder richtig Kohle, was natürlich die Übeltäter null Komma null interessiert. Die Meppener zeigten, wie es auch geht: Sie zogen eine beeindruckende Choreografie ab. Viel, viel schöner als der Mist der Oldenburger. So geht es also auch!
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