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Heinrich Grupe, der Klinkenputzer

  • Autorenbild: Cookie
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  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Fakten

Stadion

Sportanlage Am Seikenkamp



Ort

Braunschweig



Kapazität

1.000



Datum

12.04.2026



Spiel (Tabellenplatz vor Spiel)

SC Rot-Weiß Volkmarode (11.) - Freie Turner Braunschweig (10.)



Ergebnis

2 : 1



Zuschauer

175



Liga

Landesliga Braunschweig



Ebene*

6



Liga (vollständig) - Besuchte / Gesamt

8 / 16



Ground - alt / Anzahl Besuche

ja / 2



Ground - neu / Anzahl Grounds

nein



Spiel in 2026 / Gesamt**

14 / 331



*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen

** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt


Vorspiel 

Das Braunschweiger Stadtduell zwischen SC Rot-Weiß Volkmarode und den Freien Turnern Braunschweig ist recht neu. Die Rot-Weißen sind als Aufsteiger noch Emporkömmlinge in der Landesliga. Die Freien Turner dagegen sind seit vielen Jahren dort oder auch höher (bis zur Regionalliga) eine feste Größe. Von daher schienen die Karten klar verteilt vor der Saison: Kampf um den Klassenerhalt hier und Aufstiegsambitionen dort. Die bittere Realität vor der Crunchtime ist leider: zweimal Abstiegskampf. Und das Hinspiel im September 2025 war ein absoluter Knaller (https://www.cookiehoppt.com/post/braunschweigs-nummer-2). In der Hoffnung auf ein ähnliches Spektakel ging es zum Rückspiel nach Volkmarode. 

Als 1912 der MTV Volkmarode (so hießen sie zuerst) gegründet wurde, waren die Braunschweiger Größen, der MTV (1847) und Eintracht (1895) längst etabliert. Und es ging ein klein wenig provinzieller zu als heute. So wurde noch im Garten des Gasthofes "Zum Berge" geturnt. Zu Zeiten der Rezession hatte dann keiner mehr Sinn fürs Turnen und der Verein wurde aufgelöst. 1946 ging es dann wieder los und das unter dem Namen "Sport-Club Rot-Weiß Volkmarode 1912 e.V.". 

Der Stadtteil Volkmarode kann eine lange Geschichte vorweisen. So mussten nach den Napoleonischen Kriegen sogar Hannoveraner zwangsbeherbergt werden. Ich muss wohl nicht erwähnen, was das hier in Braunschweig heißt. Wirtschaftlich prägten die Voigtländer-Werke stark den Stadtteil im Nordosten von Braunschweig. Denn das Kamera-Werk mit bis zu 2.500 Mitarbeitern (1960), verlegte seine Produktionsstätte von der Campestraße an den Rand von Volkmarode. Dieses absolute Braunschweiger Traditionsunternehmen musste leider 1972 seine Pforten schließen. Das Management war zu blind und traf mehrfach eklatante Fehlentscheidungen. Die Japaner waren nicht mehr aufzuhalten. Aber das überalterte Management besaß die Frechheit, die Schuld bei ihren Arbeitern zu suchen, die zu unproduktiv/faul seien. 1.800 Braunschweiger wurden arbeitslos. So wurde der Werbespot "Bitte Vati, knips uns mit deiner Voigtländer" zur Geschichte. 


Ground

Der Ground hat nur einen Platz, aber immerhin Naturrasen. Das ist nicht so prickelnd für einen Landesligisten. Nebenan gibt es noch einen Schulsportplatz, der natürlich nur sehr eingeschränkt genutzt werden kann. Und gerade der fehlende Kunstrasenplatz ist im Winter schon ein sehr großer Nachteil. Es gibt nur noch 3 weitere Landesligisten ohne KR-Platz. Die Stadt würde sogar den Schulsportplatz umwandeln. Da macht jedoch die Schulleitung aus ökologischen Gründen nicht mit. So müssen sich die Volkmaroder im Winter weiter kreativ behelfen. Aber ich will zum Positiven hier kommen: Nachdem das Vereinsheim des SC Rot-Weiß abgefackelt war, brachte der Verein ein Bravourstück fertig. In nur 1 1/2 Jahren stand alles in neuem Glanz zur Verfügung. Das Schmuckstück heißt "Heinrich-Grupe Sportheim". Hier lässt es sich wirklich gut eine Curry/Pommes mampfen (sah Bombe aus), ein gepflegtes Bierchen zischen und dabei auf einem großem Fernseher gemeinsam Fußball gucken. Ich konnte den Gastwirt Tugay kurz erleben und auch der machte einen sehr sympathischen Eindruck auf mich. Zwischen Sportheim und Umkleidekabinen laden ein paar Tischen zum Schnacken ein. Und auch draußen wirst du lukullischen vom Feinsten versorgt und zwar mit dem wichtigsten überhaupt, der Stadion-Bratwurst. Als ich kam, schnalzte gerade einer mit der Zunge darüber und kam mit der Brati in der Hand regelrecht ins Schwärmen. Als Vegetarier blieb mir nur der sehnsüchtige Blick auf den Rost. Und die Dinger sahen wirklch aus, wie aus der Fernsehwerbung. Der Grillmeister versteht sein Handwerk! Kommen wir zur dritten Person, der hier glänzt, dem Stadionsprecher. Der sitzt unter seinem Zeltdach hinter seiner Technikanlage, als gehöre er da und nur genau da hin. Martialische Musik und begeisterte Torbejubelung durch ihn sind hier vom Feinsten. Und sogar der nette Kassierer hat mich beeindruckt, indem er mich gleich zur Spende meines Wechselgeldes für die Jugendarbeit überzeugte. Ich finde, dass es solche Typen sind, die einen Club ausmachen. Ihr Rot-Weißen macht das genau richtig. Bewahrt euch diesen tollen Geist und diese tollen Menschen! 

Ach so, eines will ich noch erwähnen. Ich habe selten gesehen, dass die Vereinsfarben dermaßen im Vordergrund stehen, wie in Volkmarode. Alles hier ist in leuchtendem knallrot angepinselt. Herrlich. Da müssen die Gegner in ihren rot-weißen Kabinen gleichmal richtig Schiss bekommen. 


Spiel

Das Hinspiel bei den Freien Turnern war wie gesagt ein Knaller. Der Außenseiter, Volkmarode ging 0:2 in Führung. FT drehte das Spiel zum 3:2. Der Gast rannte verzweifelt, aber vergeblich an, um das Spiel nochmal zu drehen.

Und dieses Mal? Volkmarode ging wieder 2:0 in Führung. Der Gast machte den Anschlusstreffer zum 2:1. Und rannte ebenso verzweifelt, aber vergeblich an, um das Spiel zu drehen.

Unglaubliche Parallelen, oder? 

In der ersten Halbzeit war das Spiel ganz ok. Rot-Weiß führte verdient mit 1:0. In der Zweiten entwickelte es sich dann zum absoluten Highlight. Erst vergeigten die Turner nach dem Wiederanpfiff zwei Riesen, dann fiel das 2:0. Und dann begann der Sturmlauf der Gäste. Der Anschlusstreffer in der 75. Minute puschte den Favoriten noch zusätzlich. Die Rot-Weißen warfen sich in alle Bälle. Sie kloppten die Pille nur noch nach vorne, damit gleich die nächste braun-weiße (heute blau-weiße) Angriffswelle auf sie zu kam. Was für ein knisterndes, zweites Stadtduell. Ich hoffe sehr, dass beide die Klasse erhalten, damit wir mehr dieser Duelle erleben dürfen. Gerne wieder mit denselben Parallelen!


Stimmung

175 Zuschauer kamen. Naja, im Prinzenpark der Turner waren es mehr, nämlich 260. Davon kamen einige erst zur zweiten Halbzeit, da sie Eintrachts Klatsche in Bochum noch erlebt und ertragen haben. Optisch waren durch mich fast nur Rot-Weiße auszumachen. Schätze, dass die Brau-Weißen mehr inkognito da waren. Anfeuerungen gabs nicht. Aber Stimmung doch, durch die Stadionsprecher-Ikone! Es hätten für mich gerne noch ein paar Tore mehr sein dürfen, um das häufiger zu erleben. Neben mir saß ein Rot-Weiß-Pärchen. Ich dachte intensiv darüber nach, was man beim Herzinfarkt machen muss. Denn er stand offenbar die letzten 20 Minuten ganz, ganz kurz davor. 


Fazit

Der Besuch in Volkmarode hat mir viel Vergnügen bereitet. Das lag auch am Spiel aber insbesondere an den genannten Menschen. Und sie haben auch leuchtende Vorbilder im Verein. Zum Beispiel Emil Schönjan, der den Turnern seinen Gasthof zur Verfügung stellte. Aber auch die Volkmaroder Größe überhaupt, Heinrich Grupe. Grupe war hier 1948 bis 1968 Bürgermeister, Vereinsmensch und Antreiber des Vereins. Er wollte unbedingt, dass in Volkmarode Fußball gespielt werden kann. Geld für die Sportanlage war natürlich keins dar. Und so putzte Grupe Klinken. Er ging von Tür zu Tür und bat um Geld für den Sportplatz. Und das mit Erfolg, Man munkelte, er hätte immer Doppelkorn als Motivationsspritze für die größten Knauserköppe dabei. Und in Zeiten, wo Fußballstadion nach Wettanbietern und Versicherungen benannt werden, ist es doch herrlich, dass der SC sein schickes, neues Vereinsheim nach diesem Mann "Heinrich-Grupe-Sportheim" benannt hat!

 


Fotos


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Fan
vor 5 Stunden
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Weltklasse!

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