Von Barsinghausen zum Ballermann
- Cookie

- 26. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Fakten
Stadion | August-Wenzel-Stadion Barsinghausen |
Ort | Barsinghausen |
Kapazität | 3.000 |
Datum | 24.05..2026 |
Spiel (Platzierungen) | SV Drochtersen/Assel (2.) - SSV Jeddeloh II (4.) |
Ergebnis | 0 : 3 |
Zuschauer | 1.556 |
Wettbewerb | Landespokal Niedersachsen (3.Liga/Regionalliga) - Endspiel |
Ebene* | 4. (Regionalliga Nord) : 4. (Regionalliga Nord) |
Liga (vollständig) | - |
Ground alt / Anzahl Besuche | nein |
Ground neu / Anzahl Grounds | ja / 180 |
Spiel in 2026 / Gesamt** | 26 / 343 |
*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen
** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt
Vorspiel
Was für eine geile Hopperzeit. Du weißt gar nicht, wo du hin sollst. Nur Aufstiegs-/Abstiegsfights, Relegationen und Pokalendspiele. Ein Traum. Und in Niedersachsen ist es besonders cool, dass es zwei Pokalendspiele gibt. Samstag, am Tag der Amateure, qualifizierte sich schon der Lüneburger SK (unterklassige Teams) und heute gab es das Finale der Dritt- und Regionalligisten. Das heißt: Gestern Glotze, bis die Augen tränten, und am nächsten Tag live!
Der Wettbewerb wird seit 1955 ausgetragen und der VfB Uslar ging als erster Sieger in die Annalen ein. Rekordsieger (5 Mal) sind die lila Kühe vom VfL Osnabrück. Aber auch Drochtersen/Assel ist im Ranking weit vorne mit 3 Erfolgen. Es haben schon Wahnsinnsspiele im DFB-Pokal dort stattgefunden, unter anderem gegen die Bayern aus München. Jungfräulich diesbezüglich ist noch der SSV Jeddeloh II. Pikanterweise unterlagen sie 2018 in ihrem einzigen Finale ausgerechnet D/A mit 1:5. Heute sollte es die Revanche dafür geben. Denn sie haben die Schnauze gestrichen voll von 70 Jahren ohne Pokalsieg! Dass sie es ernst meinen, haben sie schon auf dem Weg nach Barsinghausen bewiesen, indem sie die einzigen niedersächsischen Drittligisten (Osnabrück und Havelse) rauskanteten. Beide Vereine verbindet einiges. Zum Beispiel ihre tolle Saison (2. und 4. Tabellenplatz). Beide kämpften monatelang um den Aufstieg. Wobei ich das relativieren muss. D/A tut alles, um die Voraussetzungen für die 3. Liga zu schaffen. Dagegen verzichtete der SSV darauf. Es sei wirtschaftlich nicht realisierbar. Das enttäuschte natürlich Spieler, Trainer und Fans total. Denn letztendlich spielt man für einen Aufstieg oder gegen einen Abstieg. Ich drückte zum Beispiel Jeddeloh die Daumen. Nach der Verkündigung des Verzichts waren sie mir dann egal. Ich weiß nicht, ob es nicht kreative Ansätze (siehe D/A) geben könnte, die auch in solchen Dörfern mittelfristig ambitionierte Ziele erreichbar machen können. Sonst verschwinden sie irgendwann sowieso von der Fußballlandkarte, weil keiner mehr dorthin will.
Neben dem sportlichen Erfolg verbindet beide gallischen Dörfer natürlich ihre Größe. Hier die Einwohnerzahlen als Beweis: Drochtersen 11 Tsd., Assel 3 Tsd. und Jeddeloh II gut 1 Tsd. So ist die D/A ja quasi eine regelrechte Metropole an der Südseite der Elbe und neben dem herrlichen Alten Land nahe Stade. Der Gegner aus der Nähe Oldenburgs hat wohl einen der komischsten Ortsnamen überhaupt. Die meisten denken erstmal, dass es die zweite Mannschaft des Clubs ist. Aber mitnichten. 1895 ereigneten sich nämlich zwei geschichtsträchtige Ereignisse: Erstens wurde der BTSV Eintracht gegründet. Und zweitens wurde Jeddeloh II eigenständig von Jeddeloh. Man kann ja streiten, ob die Namensgebung besonders originell war. Aber die Einwohnerzahl entwickelte sich nun rasant von 76 auf 1.303 heute. Man will es kaum glauben, aber es ist wahr: Der Miniort wird sogar von einem Kanal durchschnitten, dem Küstenkanal. Natürlich werden die Spieler auch liebevoll Küstenkanalkicker genannt und wurden auch so begrüßt.
Ground
Das Endspiel findet im August-Wenzel-Stadion in Barsinghausen statt. Das liegt im Großraum der verbotenen Stadt. Und zwar nur wenige Hundert Meter vom Höhenzug Deister entfernt. Hier ist auch der Sitz des Niedersächsischen Fußballverbandes. Und hier haben sie sich die NFV-Akademie hingestellt. Es ist hier alles sehr weit weg von Fußballromantik. Eben sehr funktional und durchdacht. Die großzügige Anlage hat 4 Plätze, eine Halle und bietet auch drumherum einiges. Herzstück ist das Stadion. Es hat eine schicke Tribüne mit interessantem gezacktem Dach und Holzbänken. Links und rechts und darunter gibt es Stehplätze. Es ist ein optimaler Platz für Trainingslager, Schiri-Ausbildungen etc. So bezog die polnische Nationalmannschaft hier zur WM 2006 ihr Quartier. Auch die deutsche Nationalmannschaft war hier schon häufig zu Gast.
Für solch emotionale Spiele wie ein Pokalendspiel halte ich den Ground jedoch für vollkommen ungeeignet. Es fehlt das Herzblut, was für mich Voraussetzung für einen Endspiel-Gastgeber ist. Und man hat beim Bau des Grounds nicht an Spiele mit Fans gedacht. So ist die Parkplatzsituation unterirdisch. Es gibt quasi nur einen kleinen für Funktionäre etc. Die anderen kurven wie ich auch in der Gegend herum, um irgendwo einen Platz an der Straße zu finden, was ein echtes Unterfangen ist. Selbst die Imbissbuden sind für solch ein Spiel ungeeignet. Sie sind auf einem sehr schmalen Streifen zwischen Zaun und Tribüne. Wenn drei Leute davor ihr Plis ziehen, kommt schon kaum noch einer durch.
Bitte, lieber NFV, das nächste Endspiel woanders ausrichten! Aber ich will mit etwas Positivem abschließen: Du hast von der Tribüne einen herrlichen Blick über den Ort auf den Deister!
Spiel
Das Spiel ging bombig los. Gleich nach wenigen Minuten schoss Jeddeloh II das Tor zum Glück ganz weit auf. D/A wirkte dadurch etwas von der Rolle. Sie bemühten sich schon, den Ausgleich zu schießen. Aber richtig prall war das alles nicht. Im Gegenteil, je länger das Spiel dann gerade in der zweiten Halbzeit dauerte, desto frustrierter wirkten ihre Bemühungen. Dicke Chancen gab es kaum. Im Gegenteil, die Küstenkanalkicker hatten richtig Bock auf Konter. Bemerkenswert war in Halbzeit eins noch eine Szene. Der Käpt'n wurde früh ausgewechselt. Keiner um mich herum wusste, weshalb. Er stratzte jedenfalls stinkig direkt in die Kabine. Das Geilste am Spiel fand für mich in der 59. Minute statt. Die Kanalkicker konterten mal wieder gefährlich. Und der Torwart sollte überlupft werden. Da setzte Torwart Siefkes zum Flugkopfball der allerfeinsten Art an. Er machte das so, weil er annahm, außerhalb des 16-ers zu sein. Schade, dass es keine Torwartparade des Monats gibt. Der Sieger stünde fest. Trotzdem fielen noch das 2:0 und das 3:0. Und die Kanalkicker machten so den größten Triumph ihrer Vereinsgeschichte klar. Und das hochverdient!
Stimmung
Die 1.556 Zuschauer kamen ungefähr zu gleichen Teilen aus beiden Dörfern. Und vielleicht 200–300 waren neutral. Die Stimmung war klasse. Schon vor dem Spiel feuerten beide Fanlager ihre Teams an. Vielleicht D/A etwas lauter. Aber das änderte sich dann sukzessive. Ich persönlich fand schon in Drochtersen das langgestreckte "DeheeAhh" affengeil. Wie eine Abkürzung so zu einem Schlachtruf werden kann. Natürlich schallte es dann gegen Ende aus dem blau-weißen Block auch: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.“ Ich saß quasi an der Grenze zwischen beiden Fanlagern. Und die Härteste saß rechts neben mir. Dort waren Mädels der Handballdamen von D/A. Die waren richtig gut in Form und zischten sehr ordentlich was weg. Meine Nachbarin war ihre Einpeitscherin. Sie ging mehrfach los in die Mitte, vor ihre Fans, und forderte sie zum "DeheeAhh" auf. Grenzwertig war bei ihr allerdings, dass sie eine Tröte hatte. Und diese quasi nonstop benutzte. Ansprachen dazu beantwortete sie mit einem bedauernden "Das muss leider sein" und mitten unter sich wollten die anderen sie nicht haben.
Und was sich nach dem Abpfiff abspielte, das könnt ihr euch denken. Darauf freue ich mich einfach jedes Mal. Und deshalb mag ich diese Spiele zum Saisonende so sehr. Und was machen die durchgeknallten Jeddeloher? Sie fliegen nach dem Spiel direkt nach Malle, um da am selben Abend richtig die Sau rauszulassen. Respekt! Und bei mir sollte es weniger cool werden, denn ich latschte in ein nahes Industriegebiet, um mein Auto zu suchen.
Fazit
Ganz ohne Fortbildung soll es auch heute für euch nicht abgehen. Ich schrieb ja, dass Barsinghausen am Deister liegt. Der ist nun nicht unbedingt ein spektakuläres Urlaubsziel. Aber für unser hiesiges Flachland mit seinen 400 Metern Höhe doch ganz nett. Kennt ihr eigentlich den Spruch "Der geht über den Deister"? Ich glaube, dass er tatsächlich deutschlandweit bekannt ist. Und kennt ihr auch seine ursprüngliche Bedeutung? Es bedeutet "abnippeln". Der Hintergrund: Wenn jemand nördlich des Deisters starb, dann mussten seine sterblichen Überreste "über den Deister" gebracht werden, da der nächstgelegene Friedhof dort in Egestorf lag. Eine ähnliche Herkunft haben übrigens "Über die Wupper gehen" und "Über den Jordan gehen".
Fotos













Kommentare