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Fast wie 1967

  • Autorenbild: Cookie
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  • 15. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Fakten

Stadion

RSV Sportplatz

Ort

Braunschweig

Kapazität

1.000

Datum

13.06.2026

Spiel (Platzierungen)

SV Querum (2.) - SG Gartenstadt/Leiferde (2.)

Ergebnis

3 : 1

Zuschauer

190

Wettbewerb

Aufstiegsrelegation Kreisliga Braunschweig

Ebene*

9. (1. Kreisklasse Braunscheig Staffel 1) - 9. (1. Kreisklasse Braunscheig Staffel 2)

Liga (vollständig)

8 von 14

Ground alt / Anzahl Besuche

ja / 3

Ground neu / Anzahl Grounds

nein / 182

Spiel in 2026 / Gesamt**

31 / 348

*internationaler Indikator des Fußballniveaus vergleichbar mit anderen Ligen

** Anzahl Spiele im laufenden Jahr / Anzahl Spiele insgesamt



Vorspiel

Die Zeit der Showdowns ist in vollem Gange. Herrlich! Pokalendspiele und Relegationen allerorts. Und heute sollte es zu einem richtigen Klopper kommen. Die Tabellenzweiten beider Braunschweiger 1. Kreisklassen duellieren sich um den dritten Aufstiegsplatz in die Kreisliga. Und das Ganze natürlich auf neutralem Terrain.

Zum einen ist das die Spielgemeinschaft Gartenstadt/Leiferde. Der SV Leiferde hat sogar eine erfolgreiche Bezirksligamannschaft. Der andere Stammverein, der SV Gartenstadt von 1960, lief fußballerisch bisher unter dem Radar. Die SG hat sich auch erst im Skandalspiel gegen den MTV Braunschweig hierfür qualifiziert. Die entscheidenden Punkte bekamen sie am "Grünen Tisch", da das Spiel abgebrochen werden musste. Ein MTVer drehte frei und bepöbelte in ärgster Manier den Schiri. Es war sogar ein Polizeieinsatz erforderlich, um den Mann in Schwarz zu schützen. Und das gegen einen Verein, dem das Soziale sehr am Herzen liegt und der die Integration von Flüchtlingen stark fördert. Der Ort heißt übrigens erst seit 1955 Gartenstadt. Und das, weil er nach gartenstädtischen Prinzipien angelegt wurde (viel Grün, keine Hochhäuser, kein Privateigentum ...). Dieser sozialistische Ansatz ging aber ebenso krachen wie der Kommunismus. Seit der Gründung des Stadtteils 1934 hieß er erst nach einem Nazischwein Dietrich-Klagges-Stadt. Dieser führte ein Arbeitslager für 1.100 Kriegsgefangene.

Der Kontrahent, der SV Querum, kommt aus dem Norden Braunschweigs. Es ist ein etwas sonderbarer Ortsteil. Denn er ist durch einen rund 400 Meter breiten Überschwemmungsstreifen des Flüsschens Schunter zweigeteilt. Hoffentlich machen die Dorfältesten da nicht analog Jeddeloh, Querem I und Querum II draus. Es zieht seit Jahren viele junge Familien dorthin, da seit 2014 circa 1000 Wohnungen/Einfamilienhäuser dazugekommen sind und noch dazukommen. Genau das ist der Nährboden für eine erfolgreiche Zukunft des SV Querums. Es muss dem Verein dazu weiterhin gelingen, die immer mehr werdenden Kinder und Jugendlichen für den Club zu begeistern. Dann wird sich das über kurz oder lang auch für den Herrenbereich auszahlen. Und der SVQ könnte mal zu einer Braunschweiger Größe werden. Dass der Verein sowas kann, beweist er gerade eindrucksvoll. So stieg die A-Jugend 2025 sensationell in die Landesliga auf. Und dass das bereits Früchte zeigt, siehst du am Durchschnittsalter der 1. Herren. Die beste Zeit erlebte der Verein Ende der 80er, als der SVQ von der Kreisliga mehrfach bis in die Bezirksoberliga aufgestiegen war. Club-Insider reden heute noch davon, wie sie ihren damaligen Trainer unter lautem Gegröle in die Oker warfen, was zu dieser Zeit noch eher unappetitlich gewesen sein soll. Dann verschwand der Verein ziemlich von der Bildfläche. Und das spätestens mit dem Abstieg 1997-1 in die Kreisklasse. Kann das nun 30 Jahre später wieder korrigiert werden?


Ground

Bei der Wahl des Grounds bewies der NfV ein gutes Händchen. Sie fiel auf den herrlich gelegenen RSV-Platz. Meine Schwärmereien über ihn könnt ihr gerne hier nachlesen: https://www.cookiehoppt.com/post/der-wahnsinn-heißt-rsv-braunschweig. Als ich mit dem Rad zum Ground düste, warf ich noch einen verklärten Blick zum Säulenportikus von 1897-1 (Verdammt, schon wieder diese unglückselige Zahl). Unter selbigen entstanden nämlich die romantischen Hochzeitsfotos von Uschi und mir. Naja, und die Einheimischen wissen natürlich, dass der Ground im Bürgerpark, dem schönsten Park Braunschweigs, liegt. Die Oker durchzieht diese Idylle. Und wenn nicht gerade Trainer in den Fluss geworfen werden, genießen hier die Spaziergänger die Ruhe an den vielen, alten Trauerweiden, die hier die Oker säumen. Und wenn du dann etwas hinter den Bäumen versteckt den Ground findest, wird dir warm ums Herz. Der morbide Charme der Anlage zieht dich schnell in seinen Bann und du fühlst dich hier willkommen. Das haben wohl die Funktionäre auch schon erkannt, denn bereits das Kreispokalfinale fand dieses Jahr hier statt. Wie mir berichtet wurde, liegt die Beliebtheit aber auch an der sehr kooperativen Gastfreundschaft des RSV Braunschweig. Vorbildlich, macht bitte weiter so!


Spiel

Wie das Spiel war, ist dieses Mal eigentlich vollkommen wumpe. Es zählt nur eines: der Aufstieg! Sollte es die Querumer nach 30 Jahren wieder schaffen, aufzusteigen, oder macht es die SG Gartenstadt/Leifede erstmalig? Die Anspannung lag förmlich in der Luft. Wie heiß die Querumer waren, zeigt zum Beispiel, dass der Trainersohn, Neumann, mit Außenbandanriss auflief. Medizinisch nicht empfehlenswert, aber heute scheißegal. Eine hohe Intensität zeichnete 90 Minuten lang das Spiel aus. Und besonders erwähnenswert und nicht selbstverständlich: Alle Spieler verhielten sich ausgesprochen fair. Es gab kein einziges böses Foul und kaum eine gelbe Karte. Das hatte ja die SG leider vor kurzem beim MTV anders erlebt. Das Spiel war recht ausgeglichen, mit leichten Vorteilen für die Querumer. Dann kam die 20. Minute und Routinier Bauer schlenzte einen Freistoß gefühlvoll neben den rechten Pfosten ein. Btw. spielte auch Bauer angeschlagen und hielt fast eine Halbzeit voller Schmerzen durch. Die SG bewies aber Moral und 5 Minuten später fiel das schön herausgespielte 1:1. Kurz vor und nach der Pause machte der SV dann zwei Buden zur Zwei-Tore-Führung. Und dieses Mal ließen sie sich nicht noch mal überrumpeln. Hochkonzentriert und äußerst diszipliniert in der Abwehr ließen sie kaum Torchancen zu.

Und dann war es soweit: Nach 30 Jahren Abstinenz steigt der SV Querum wieder in die Kreisliga auf. Und bald geht es an der Stätte ihres Triumphs wieder hierher, aber dann um Punkte beim RSV Braunschweig. Aber auch dem SG Gartenstadt/Leiferde zolle ich großen Respekt für ihre tolle Saison und ihren bravourösen, wie fairen Kampf heute.


Stimmung

Was für ein Spektakel! Es gibt für mich in diesem Jahr zwei Fanszenen, die um die Poolposition bei mir konkurrieren: die der Aachener Alemannia und die des SV Querum. Bei der Meisterschaft der Braunschweiger Eintracht 1967 war ich noch nicht dabei, aber dafür heute beim Aufstieg der Querumer! Bereits lange vor Spielbeginn war alles in rot-schwarzer Hand. Und immerhin besuchten 190 Zuschauer das Spiel. Ich vermute, davon 100 aus Querum, 60 Neutrale/Sympathisanten vom SV und 30 SG-Fans. Damit es dazu kommen konnte, stellten die Fans einiges auf die Beine. Und das unter größtem Zeitdruck. 20 Fahnen mußten extra hergestellt werden. Für die Choreo wurden nur wenige Tage vorher 200 Meter Stoff zu Lennart nach Göttingen geliefert. Das Zittern, ob die Lieferung rechtzeitig erfolgt, hatte kurz vor knapp ein Ende. Aber es musste ja noch ordentlich geschnippelt und gesprayt werden. Da wurden dann die Nächte kurz. Der Text lautete: „Trotz 30 Jahren Abstinenz haben wir im Kreis den Hut auf.“ Mit den Fahnen dahinter war das ein optischer Hingucker vom Allerfeinsten! Als die Mannschaften einliefen und dazu die Gesänge geschmettert wurden, bekam ich eine Gänsehaut. Und das ging wirklich fast das ganze Spiel weiter. Tatsächlich wurde es aber nach dem Ausgleich mal kurz leise. Es war ein ähnlicher Wirkungstreffer wie der von Curaçao ein paar Stunden später. Aber auch hier dauerte die Schockstarre nicht sehr lange. Die Gesänge waren vielfältig. Am häufigsten und lautesten schallte das langgezogene Es-Vau-Kuuuuhu durch den Bürgerpark. Nach dem Abpfiff brachen alle Dämme. Noch während der Tänze der Mannschaft forderten die Fans: „Wir wollen die Mannschaft sehen.“ Natürlich gab es zu den folgenden Gesängen auch Pyro in Rot und Schwarz. Übrigens vorbildlich mit Wassereimern am Spielfeldrand. Gegen Ende forderte Capo Lennart dann schon mal den Stadionwirt in Querum zur Tat auf, mit: „Diti, mach die Zapfe klar!“ Was übrigens geklappt hat. Die Letzten sollen so bis gegen 3 Uhr morgens gegangen sein. Der Trainer wurde dieses Mal nicht in die Oker geworfen. Er hatte sich kurz vor dem Spiel beim Training in die Kanne gestellt. Ein Geschoss wie von "The-Hammer"-Hitzelsberger zertrümmerte leider seinen Bizeps. So musste er zwar mit Schiene coachen, landete aber dafür nicht in der Oker. Ob aber wirklich keiner in der Oker war? Darüber wird geschwiegen!


Fazit

Wir verfolgten das Event teilweise auf einer der Holzbänke. Und da saß auch ein nettes Paar neben uns. Der ausgewechselte Torschütze Bauer kam dann zu unseren Nachbarn und plauschte mit Opa und Oma. Der Opa erklärte mir danach, was er seinem Enkel im Garten beigebracht hatte. Denn der ballerte als Bubi immer wie von Sinnen drauflos. Bis Opa ihm erklärte, dass er nicht nur Bumm-Bumm machen sollte, sondern stattdessen lieber mit Gefühl schießen sollte. Und nach dem herrlichen Schlenzer zum 1:0 fühlte er sich stolz bestätigt. Und deshalb gehört der Aufstieg auch ein bisschen ihm!


Ich verabschiede mich nun in meine persönliche Sommerpause. Bis bald in ein paar Wochen!


Fotos









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